"Im Schwarz-Rot-Gold-Rausch"

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„Die Nation soll sich bekennen“ titelt Die Zeit im Feuilleton, auf der WM-Ausgabe der Zeitschrift Max prangt die Zeile "Zeit für Helden", mit der Überschrift „Im Schwarz-Rot-Gold-Rausch“ eröffnete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 28. Mai ihr Gesellschaftsressort und im Feuilleton wird gefragt: „Darf man, ganz entspannt, wieder „stolz“ sein auf Deutschland, ist die Nation ein Wort des Widerstands, braucht es einen Patriotismus von links?“ Anlass für die Debatte ist die Fußball-WM, die uns nicht nur en masse Produkte in schwarz-rot-gold beschert, sondern auch eine neue Runde „Deutschlandbücher“. Florian Langenscheidts „Das Beste an Deutschland“ zum Beispiel oder „Wir Deutschen“ von Matthias Matussek, das gerade in allen Zeitungen besprochen wir. Beide wollen zeigen, warum wir Deutschland gerne haben können und die anderen auch. Damit geht eine Debatte in die nächste Runde, die in den letzten zwei, drei Jahren regelmäßig wiederkehrt, aber nie großartige Erkenntnisse zu Tage gefördert hat. Außer vielleicht der, dass andere Länder viel patriotischer sind als wir und auch keine reine Geschichtsweste haben („Im Vergleich zum Britischen Empire waren wir ein sehr friedliches Volk. Und sind es wieder. Es waren die Engländer, die gerade in den Irak-Krieg gezogen sind, nicht die Deutschen“, sagt Matussek etwa im Interview mit der FAS) Und dass es deutsche Helden gibt. Langenscheidt hat sich dabei die „Land der Ideen“-Kampagne zum Vorbild genommen und will das „Beste an Deutschland heute vorstellen“. Herausgekommen ist dabei ein Buch voller Reklame, für das der Leser auch noch zahlen muss, wie Andreas Platthaus in der FAZ urteilt: „Insgesamt finden sich einundsiebzig Markenprodukte unter den 250 Einträgen, und da sind Unternehmen wie Deutsche Post, Deutsche Telekom oder die Sparkassen nicht mal mitgezählt. (...) Wer sich ständig derart seiner Erstklassigkeit versichern muß, ist peinlich.“ Matthias Matussek, der seinen Job als London-Korrespondent des Spiegels gegen den des Spiegel-Kulturressort-Chefs getauscht hat und, so schreibt Die Zeit, „mit geradezu sentimental aufgeladener Wut in die Heimat zurückkehrt, um sie heftig, vielleicht ein wenig zu heftig zu umarmen“, setzt in „Wir Deutschen“ mehr auf Deutschland als Kulturnation. Was die deutschen Helden angeht: „Wir sind Helden“ und andere popkulturelle Phänomene spielen dabei natürlich wie immer keine Rolle. Bezogen wird sich vor allem auf Heine, Humboldt und Dürer. Auf die Frage, wann er zuletzt stolz war, Deutscher zu sein, antwortet Matussek im yFAS-Interview: „Bei der Dürer-Ausstellung in Madrid. Die Leute standen um den Block, um einen deutschen Maler aus dem 15. Jahrhundert zu sehen.“ Ob Dürer heute wirklich noch eine Identifikationsfigur sein kann, um bei der Beantwortung der Frage „wer sind wir“ zu helfen, die laut Matussek in Zeiten der Globalisierung immer wichtiger wird? Matussek spricht aber immerhin auch mit heutigen Prominenten wie Harald Schmidt, Heidi Klum oder Paul Nolte. Deutsche wie Feridun Zaimoglu oder gar die afrodeutschen Musiker von „Brothers Keepers“, die letztes Jahr ein Platte zum Thema Heimat und Deutschsein veröffentlicht haben, kommen nicht vor.

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Illustration: Julia Schubert

Da ist die Zeitschrift Max schon einiges weiter: Xavier Naidoo spricht über die Lust und Last Deutscher und Patriot zu sein und auch Wladimir Klitschko und Ronaldo kommen zu Wort. Matussek besucht dagegen VW oder Szenelokale wie das „White Trash“ in Berlin und ist überrascht, dass es so was in Deutschland auch gibt. Da war ja selbst das Goethe-Institut schneller, die schon vor drei Jahren die Berliner Musiker Maximilian Hecker und Barbara Morgenstern als Repräsentanten eines hippen, jungen, unspießigen und urbanen Deutschlands auf Welttournee geschickt haben und im Ausland besonders gerne mit Berlin für Deutschland werben. Sascha Lehnartz schreibt in der FAS denn auch sehr treffend, Matussek sei einer jener Intellektuellen, die sich jahrelang ihr Land selbst madig gemacht hätten und nun überrascht in der BRD angekommen seien: „Beinahe möchte man ihnen Begrüßungsgeld zahlen oder wenigstens eine Willkommensparty ausrichten“, denn viele jüngere Deutsche hätten längst ein relativ entspanntes wiewohl kritisch-reflektiertes Verhältnis zur eigenen Herkunft. Damit ist eigentlich alles gesagt. Der zweite Teil der Magazinschau folgt morgen.

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