Magazinschau in Samt und Fell gerüstet: Die Welt der Mittelalter-Freunde

Der Bahnhofskiosk ist eine schillernde Sammlung der erstaunlichsten Magazine. Hier Teil zehn der subkulturellen Presseschau
dana-brueller

Pax et Gaudium

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Illustration: Julia Schubert

Worum geht es? Der Schwerpunkt der uns vorliegenden Ausgabe behandelt das Thema "2.000 Jahre Badekultur. Waschen und sündigen". Pax et Gaudium selbst nennt sich "die einzigartige Heftreihe zum Thema Living History". Die drei besten Headlines: Ab in den Zuber Wenn der Zahnwurm bohrt Schneckenstreit in Stühlingen Der Leser... Würde sich gerne für ordentliche Historiographie interessieren, landet dann aber doch immer bei Ekel-, Mord- und Bumsgeschichten. Das sagt die Redaktion: "Wenn splitterfasernackte, mehr oder minder gut gebaute junge Herren aus dem Bad springen und den Neugierigen hinterhereilen, so ist dies meist für alle Umstehenden ein Riesenspaß." Bizarres Paar:

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Illustration: Julia Schubert

Die Eheleute Syphilis. Bestes Bild:

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Illustration: Julia Schubert

...genießt ein Badender an Kopf und Nacken die ebenso erprobten Hände der Zuberzofe. Beste Werbung: Kurzurlaub im Mittelalter nur 99,95 Euro. Leistungen: 2 ÜN inkl. Frühstück, "Wasserfall" & "Misthaufen", 1 Badegelage inkl. Schmaus und Trank, 1 mittelalterliches Erlebnisbankett inkl. abendfüllendes Programm, Schmaus und Trank. Infos unter www.uferburg.de. Das Extra: Bei Abschluss eines Abonnements erhält der Leser ein "geschmiedetes Messer" oder ein "Schreibfeder-Set". Voll authentisch und so. Was wir gelernt haben: 1. Mittelalter-Bands nennt man "Spielleute". 2. Christman Gniperdoliga, der fast eintausendfache Raubmörder, wurde so geschickt gerädert, dass er noch über eine Woche lebte. 3. Zahlreiche zeitgenössische Abbildungen belegen, dass es in den mittelalterlichen Badestuben oft "zünftig zur Sache ging". 4. Wem das "Außrupffen" der Körperhaare zu schmerzhaft war, der konnte sich auch mit einer "har fressend artzney" behandeln lassen, die aus gelöschtem Kalk und Meerschaum sowie Frosch- und Schneckenblut, Ameiseneiern und Eidechseneiern bestand. 5. den Begriff "Zuberzofe"


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Illustration: Julia Schubert

LARPzeit, das Live-Rollenspiel-Magazin Worum geht’s? Angeblich um Live-Rollenspiele. Tatsächlich sind im Heft vor allem launige Aufnahmen von rotäugigen Mittelalter-Menschen mit Fellumhängen, Tierschädeln und fiesen Waffen zu sehen. Wer liest da noch die Artikel? Die drei besten Headlines: 1. LARP in Israel 2. Hygiene im LARP 3. Darstellung sexueller Gewalt im LARP Der Leser… ist, glaube ich, ein bisschen ungepflegt: "Wer kennt das nicht? Ein Con in Deutschland, der Plot spannend, die Gegner zahlreich, der Schlaf knapp, der Körper verschwitzt vom vielen Kämpfen - und dann endlich Schlaf. Aber der Gegner könnte jederzeit wiederkommen. Also legt man sich am besten mit Schuhen und vollständig gewandet aufs Feldbett, um bereit für den nächsten Angriff zu sein... [...] Es geht nicht in erster Linie darum, dass der Körper nach körperlicher Anstrengung zu riechen bzw. zu stinken beginnt, sondern dass mangelnde Hygiene auch krank machen kann". Das sagt die Redaktion... "Nun aber zum aktuellen Heft, in dem es ziemlich wild zugeht. Unser Cover (im neuen Design) gibt bereits einen Hinweis: Der Charaktertyp und unser Basteltipp widmen sich der Darstellung von Fantasy-Barbaren. Ein Thema, das übrigens mehr als einem Redaktionsmitglied ganz persönlich am Herzen liegt (gerüchteweise schmeißen sich Chefredakteur, Grafiker und Abo-Verwalter selbst gelegentlich in Fell und Leder und machen das eine oder andere LARP unsicher...)." Bizarres Paar:

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Illustration: Julia Schubert

Bruth-Gorh ziehen beinahe paarweise ins Gefecht Beste Werbung: Von "Stahlgilde". Man kann dort "hochkomfortable Plattenrüstungen in Premium-Qualität" bestellen. Das Extra: Die Bastelanleitung in der Rubrik "Rüstkammer": Wir lernen, wie man einen Rüstgürtel aus Leder baut. Ehrlich gesagt: Der schaut gar nicht so schlecht aus (ist aber zu viel Arbeit). Zweites Extra: In der Heftmitte befindet sich eine zweite Zeitung, "Stimme des Herolds", die auf so komischem Strukturpapier gedruckt ist, das sich wohl wie Mittelalter-Papier anfühlen soll. Der Untertitel lautet: "Die Gazette des gemeinen Volkes", was sich wohl wie ein Mittelalter-Untertitel anhören soll. Der Preis beträgt "2 Kupfer", was wohl eine Mittelalter-Währung sein soll. Die Überschriften sind, so wie früher bei der FAZ, in so einer blöden Mittelalter-Urkunden-Type gehalten, dankenswerter Weise sind die Artikel darunter wieder in Times New Roman. Was wir gelernt haben: Stark behaarte Mittelalter-Freunde sehen gerne mit irrem Blick in die Kamera, Mittelalter-Freunde mit schütterem Haar tragen um so lieber Tierfelle. Hab ich alles schon gewusst.


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Illustration: Julia Schubert

Karfunkel, Zeitschrift für erlebbare Geschichte Worum geht es? Hauptsächlich um lange historische Artikel über Kaiser Friedrich II, Salzwedel, Grundlagen des Nähens von Hand, Anno Domini Musica - also die heile Welt des Hochmittelalters. Das Heft ist für die ganze Familie geeignet, denn hier geht es nur um harmlose und erlesene Dinge wie Mittelaltercharts. Die drei besten Headlines: Tiere in der deutschen Rechtsgeschichte Gladiatrix - Frauen in der Arena Dunkelschön - Celtic Medieval Folk Der Leser... fühlt sich im regen Austausch mit Gleichgesinnten pudelwohl: "Suche selbttragendes Rundzelt. Stelle Orientzigeunerin dar.", "Normannenhelm phrygisch brünniert, neuwertig mit Messingbeschlag.", "Authentische Wikis gesucht! Für echtes Wikingerfeeling! Raum LG, RZ.", "Suche holde Maid aus München (ab 35 J.) für Marktbesuche." Das sagt die Redaktion: Baden ist im Prinzip neuzeitlicher Luxus. Bizarres Paar:

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Illustration: Julia Schubert

Makrele mit Stachelbeeren, da könnt ich mich reinlegen. Bestes Bild:

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Illustration: Julia Schubert

Einsame Gladiatorin. Beste Werbung:

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Illustration: Julia Schubert

Das Extra: Ein sehr ausführlicher Mittelalter-Eventkalender. Meine Empfehlung ist die Veranstaltung "wendegenähte Schuhe" vom 26.-27. Juli in Obermoschel. Was wir gelernt haben Das Rezept für Makrele mit Stachelbeeren (S. 96), Spielfrauen haben stets viele Instrumente griffbereit.

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