Magazinvergleich: Der gedruckte Gay-Alltag

Der Bahnhofskiosk ist eine schillernde Sammlung der erstaunlichsten Magazine. Hier Teil acht der subkulturellen Presseschau.
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Illustration: Julia Schubert

Magazin 1: ADAM Worum geht’s? Um schwules Leben. Aber schwules Leben heißt bei ADAM nicht nur: "Wo finden Europas beste Gay-Partys statt?" Sondern auch: "So wird der Traum vom Gruppensex wahr". Dazu gibt es Reiseberichte über Thailand, Pornodarsteller im Interview, Buchrezensionen, Künstlerportraits und viele, viele nackte Männer. Spätestens nach neun Seiten Text (und ja, ich habe tatsächlich gezählt) bekommt man wieder nacktes Männerfleisch zu sehen. Die drei besten Headlines: Minimum drei! – Sexpartys "Ich bin eine schwule Fruchtfliege" Harte Zeiten – Gelegenheit macht Triebe Der Leser … will womöglich wirklich mehr wissen, über Matt Phillip (25), Josh Elliot (24) und Justin Boyd (21), die blonden, bildschönen Jungs aus Bratislava. (Warum haben die eigentlich englische Namen, wenn sie aus der slowakischen Hauptstadt kommen?) Aber was Familienvater und Sänger Patrick Nuo so treibt, interessiert ihn auch. Das sagt die Redaktion ... "Reisen bleibt ein Lieblingshobby der Schwulen. Wenngleich die Reisewelt auch für Schwule eher größer wird, ändert sich an der Beliebtheit bestimmter Reiseziele wenig." – erstaunlich! Bizarres Paar: Matt Phillip mit entblößtem Penis und sein kecker rosa Strohhut. Bestes Bild:

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Illustration: Julia Schubert

Beste Werbung: Privatpension 'Die Mühle' – Sepp und Walter freuen sich auf euren Besuch. Das Extra: Eigentliches Extra gibt es nicht, dafür gibt es anscheinend in jeder Ausgabe eine Striptease-Bildstrecke mit dem Cover-Boy. Was wir gelernt haben: Dass Sex für Darin Hawk etwas Feierliches ist, dass Andy, ein junger Einzelhandelskaufmann, seine bayerische Lederhose mit sieben Jahren abgelegt hat und dass die Jacob-Sisters auf Gran Canaria gerade das Video für ihren neuen Song "Biene Maja" drehen.


Magazin 2: Mate Worum geht’s? Um Style, um Body, um Travel – für schwule Männer. Präsentiert in Hochglanzfotos von Wohn-Accessoires, von Cabrios, von raufenden Männern mit freiem Oberkörper, von edlen Anzügen beim Strippoker und von Landschaften. Die Optik steht klar im Vordergrund und in der Regel sind die Texte nur etwas längere Bildunterschriften oder Produktbeschreibungen. Selbst die Leitartikel gehen kaum über mehr als zwei Seiten. Die drei besten Headlines: Hardtop-Strippers Yoga: Der männliche Weg Mallorca – Aufpolierte Perle des Mittelmeeres Der Leser … hat jede Menge Geld und will es loswerden, oder stellt sich gerne vor, viel Geld zu haben und es loswerden zu wollen. Oder, ganz anders, er sitzt im Wartezimmer / beim Frisör / im Vorzimmer seines Anwalts und muss Zeit totschlagen, will seine Augen aber nicht mit den bösen Buchstaben überanstrengen. Das sagt die Redaktion ... Zum Begriff straight: "Mittlerweile ist die Bezeichnung eine Art Gütesiegel für ein begehrenswertes männliches Verhalten. Doch das eigentlich so eindeutige Verhaltensmuster ist oft vielschichtiger als man denkt." Fast wie bei Sielmann … Bizarres Paar: Das avanti ultima-Kondom, das aber so richtig flutscht, und direkt darunter der Falten-Ausfüll-Stift – eine eigenartige Kombination.. Bestes Bild:

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Illustration: Julia Schubert

Beste Werbung: Die Gib Aids keine Chance-Anzeige mit dem Slogan: "Super, ich hab Syphilis." Das Extra: Das 'Afrika Special': Vermittelt deutlich den Eindruck, Afrika wäre eine Touristenkolonie Europas. Was wir gelernt haben: Dass Leben ist nicht günstig, aber du bist es dir Wert, es mit barer Münze zu zahlen. Und: "Besonders Geschichten mit Superhelden wie Spider-Man oder Superman lassen sich leicht als Coming-Out-Story lesen."


Magazin 3: G Mag Worum geht’s? Um schwule Emanzipation – gesellschaftlich und politisch, im In- und Ausland. Der Leitartikel fordert von schwulen und lesbischen Prominenten ein, ihre Homosexualität offen zu leben, um so Vorbildfunktion für junge Homosexuelle zu übernehmen und Orientierungshilfe zu bieten, ein anderer Beitrag durchleuchtet kritisch die Organisationsstrukturen bei den großen CSDs. Dazu Lifestyle- und Reisereportagen, Testberichte, Fotostrecken und Kontaktanzeigen. Die drei besten Headlines: Klein aber geil Wenn Heten tucken… Ab jetzt bin ich Bückware Der Leser … ist jung, männlich und gesellschaftspolitisch interessiert bis engagiert. Er will aber auch schick aussehen, wenn er auf die Straße geht, um im Szenecafe seiner Wahl mit Gleichgesinnten über das unerhört stereotype Gesellschaftsbild zu diskutieren, das Schwule von sich selbst schaffen. Aktiv kann der Leser bei einem Fotowettbewerb teilnehmen und abstimmen: Motive sollten sexy sein. Das sagt die Redaktion ... Das Palästinenser-Tuch ist „super schick und total in“. Von jetzt an tragen es nicht mehr nur „Müslischwuppen“, sondern auch „modische Szenengänger“. Die Palästinenser wird’s freuen … Bizarres Paar: Links der Artikel über Hepatitis C und die Infektionswege, rechts der Beitrag über Fetischsex. Bestes Bild:

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Illustration: Julia Schubert

Beste Werbung: Bis auf den Kontaktanzeigenteil finden sich in G Mag fast ausschließlich Werbungen für Safer-Sex – davon könnte es auch in anderen sexaffinen Lifstyle-Magazinen mehr geben. Das Extra: Ein ‚queerpride’- Sonderheft zum Christopher Street Day. Die Beiträge befassen sich in erster Linie mit der Frage, inwiefern es dem CSD noch gelingt politische Inhalte zu transportieren. Außerdem werden die größten CSD-Demos 2007 mit ihren Forderungen und Programmen vorgestellt. Was wir gelernt haben: Auch Schwule brauchen Vorbilder und verdienen ab und an zu wenig Geld, Callboy ist für manchen ein Beruf wie jeder andere und in München sind dieses Jahr Basecaps als Sonnenschutz und Modeaccessoire unter Schwulen angesagt.

Text: armin-wolf - & leonie-haaf

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