Schlampenyoga und Augsprossengabler: Die Presseschau der Subkultur Teil 2

Der Bahnhofs-Zeitschriftenstand ist eine schillernde Sammlung der erstaunlichsten Magazine. Der zweite Teil der subkulturellen Presseschau widmet sich echtem Männersport, frauenlosen Fantasiewelten, dem Volkssport Yoga, schildert des Waidmanns Heil und blickt in die Abgründe der Welt der kleinen Mädchen.
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Illustration: Julia Schubert

Magazin 1: White Dwarf Worum geht’s? White Dwarf ist das Hobbymagazin des Games Workshop, einem Unternehmen, das Fantasiewelten für Schlachtszenarien kreiert. Vielleicht erinnert sich noch jemand an Dungeons & Dragons oder Das Schwarze Auge – Rollenspiele für große und kleine Männer mit Pferdeschwänzen und Kassenbrillen, die meistens gut in Mathe waren. Die Rollenspielwelt hat sich jenseits der virtuellen World-of-Warcraft-Matrix stark weiterentwickelt, was die wahre Flut von Völkern und Figuren belegt, die das Heft behandelt. White Dwarf liefert umfangreiche Anleitungen über die korrekte Bemalung von Baumvölkern und stellt die beste Schlachtordnung für mit Wahnpilzen gefütterte Nachtgoblin-Fanatics vor. Bemerkenswert: Offenbar haben Orks & Goblins eine eigene Sprache, die das dazugehörige „Armeebuch“ unverhohlen für Störer und Schlagzeilen verwendet: „So sin’ da Regelnz“. Die drei besten Headlines: 1. Orkz sin´ da Bäst´n! 2. Waaagh! Da Orkze 3. Gemosche innen Südlanden Der Leser im Heft: Ist meistens männlich. Die Gewinner eines „Golden Demon Awards“ werden namentlich neben Abbildungen ihrer selbstbemalten Gewinner-Figuren erwähnt. Am besten gefällt die Kategorie „Gewandung“, in der sich die Teilnehmer beispielsweise als Khorne-Berserker, Nurgle-Kultist oder Teil des Inquisitionstrupp 23 ablichten. Das schönste Bild:

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Illustration: Julia Schubert

Das sagt die Redaktion: Im Editorial spricht Grombrindal, der Weiße Zwerg: „Lange hat mein Volk gegen die grüne Bedrohung gerungen, aber egal wie viele Grobi (oder Goblins für euch Menschlinge) und verfluchte Orks wir erschlagen, es kommen immer mehr! ... Grünhäute sind dumm, das ist bekannt, aber nur der närrischste Hazkal auf seiner Reise über der Erde würde ihre animalische Schläue unterschätzen.“ Beste Werbung: Ist Eigenwerbung, da das Magazin sich ja um die Produktwelt von Games Workshop dreht. Die Anzeige für die Figuren der „Adeptus Sororitas“ Frauen-Armee wirbt nur für Kenner der Materie: „Läuterer“ (enthält 1 Läuterer); „Immolator“ (enthält 1 Immolator). Aha. Was wir gelernt haben: Fantasy-Welten sind kein guter Ort, um Frauen kennen zu lernen (abgesehen von Adeptus Sororitas); Nachtgoblin-Fanatics funktionieren am besten auf Pilzen; Orks auf dem Kriegspfad reden so ähnlich wie betrunkene Mannheimer. +++ Magazin 2: Deutsche Jagd Zeitung Worum geht’s? Um Hege und Pflege, sagen die einen – um Töten als Sport, sagen die anderen. Die DJZ ist nach eigenen Angaben mit 280.000 Lesern Deutschlands meistgelesene Jagdzeitschrift. Der deutsche Waidmann liest offenbar gern eine Mischung aus ballistischen Produktneuheiten, Jägerwitz und schonungsloser Aufklärung. News fallen unter die Rubrik „Am Drücker“, Sachberichte geben wertvolle Pächtertipps und erklären, warum man Rehe nicht so gut sieht, wenn Pflanzen davor sind; Reportagen betonen die harmonische Beziehung zwischen Mensch und Tier (vorzugsweise dem Hund). Ansonsten dreht sich alles in erster Linie um Waffen, Autos und Kleidung. Gestalterische Primärfarbe: Grün. Die drei besten Headlines: 1. Ex-Weltrekord-Hirsch war ein Österreicher 2. Augsprossengabler erlegt! 3. Alle 2,5 Minuten stirbt ein Reh Der Leser im Heft: „Ich selber jage mit dem Bogen seit sechs Jahren. Damals habe ich mich zeitgleich mit dem Virus Africanus und dem Bogen in Namibia infiziert. Ich schieße mit meinen Bögen fast täglich, um mich auf die bevorstehende Jagd in Südafrika vorzubereiten.“ (A. Rosenthal aus Lennestadt) Das schönste Bild:

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Das sagt die Redaktion: „Liebe Jägerinnen und Jäger, ... Im August kam in unserem Testrevier ein bis dato unbekannter Rothirsch zur Strecke: ein Augsprossengabler! Das Geweih ist zwar nicht kapital, dafür aber in Betracht unserer durch und durch selektierten Rotwildbestände eine echte Rarität – und dazu ein herzerfrischender Kontrast zur perversen Massenproduktion von „Rekordhirschen“ in so manchen Regionen und Ländern.“ Beste Werbung: Das neueste Gewehr-Zielfernrohr der Firma Schmidt Bender wirbt mit dem Slogan „Das kleine Schwarze für die flüchtige Begegnung“. Das Extra: Die lustige DJZ-Jubiläums-Schießscheibe zum Ausschneiden vom DJZ Hauskarikaturisten Klavinius sowie 16 Sonderseiten mit chicer Jagdbekleidung; Rezept für Zucchini mit Entenleber, zum Heraustrennen und Abheften. Was wir gelernt haben: Jäger achten sehr auf ihr Äußeres und benutzen nicht ausschließlich Gewehre; es gibt in Deutschland massenhaft Gänse, Waschbären, Wildkatzen und Wölfe, die dringend abgeschossen werden müssen; Wildtiere sind Drückeberger.


Magazin 3: Bewusster Leben (Yoga Special) Worum geht’s? Um bewussteres Leben, um neues Denken und Handeln. Im vorliegenden Yoga-Special wird die indische Bewegungsmeditation genau unter die Lupe genommen. Hatha-, Kundalini-, Poweryoga, der Mondgruß, der Sonnengruß und spezielle Übungen für Zwischendurch werden erläutert; und es gibt Antwort auf die universellen Fragen: „Warum ist Yoga so anstrengend?“ und „Wie schaffe ich es, dass mein Mann auch Yoga macht?“. Die Aufmachung des Hefts ist vollkommen entspannt und ruht in sich selbst. Man bekommt direkt Lust, „die Weltkonferenz der Ethnotherapien“ zu besuchen und alle Sitzmöbel aus der eigenen Wohnung zu werfen, um sie gegen luftige Feng Shui Sitzkissen auszutauschen. Yoga Mode-Shoppingtipps und Empfehlungen für den richtigen Entspannungs-CD Soundtrack sind selbstverständlich ebenfalls enthalten. Lieblings-Stellung: „Den Kopf ausleeren“. Die drei besten Headlines: 1. Yoga gehört zu Indien wie auch die Armut 2. Zuhören mit den Händen 3. Buchtipp: Schlampenyoga Der Leser im Heft: „Ich bin in meiner Mitte angekommen.“ (D. Riewe, Freiburg) Das schönste Bild:

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Das sagt die Redaktion: „Heutzutage wird Yoga von vier bis sechs Millionen Menschen allein in Deutschland praktiziert – so die Schätzungen.“ Beste Werbung: Für das Buch „Bikram Yoga“ von Bikram Choudhury und Bonnie Jones Reynolds. Der Slogan:“ Heißes Yoga – der neue Trend“. Das Extra: Das kleine Yoga-ABC – von A, wie Asana, bis Y, - wie Yoga; Kochrezepte aus der „einfachen, raffinierten Ayurveda-Küche“. Was wir gelernt haben: Man kann ein ganzes Heft mit nur einem einzigen Lifestyle-Trend füllen, ohne rot zu werden; Jutta Speidel macht auch Yoga; deutsche Männer sind Yoga-Muffel. +++ Magazin 4: Wrestling Allstars Worum geht’s? Um die wilde Welt der Profi-Wrestler - schwitzende Muskelberge in knappen Klamotten, die laut grunzen, brüllen und die Augen aufreißen. Diese Welt ist nach wie vor ein Phänomen, denn schließlich weiß mittlerweile jedes Kind, dass die Kämpfe meistens nicht echt sind. Inhaltlich gibt das Thema nicht viel her, wahrscheinlich ist das Heft deswegen nur 36 Seiten stark. Dafür ist es aber schön laut und bunt und strotzt nur so vor Aggression, Testosteron und Annihilation. Kämpfer mit klangvollen Namen wie The Animal, Van Dam oder Heartbreak Kid werden auf einer Seite portraitiert, auf der nächsten malträtiert. Interessant: Die Wrestling-Gemeinde hat einen eigenen Verständigungscode entwickelt. „Job“ bedeutet: ein Match verlieren, der „Face“ ist der Gute, der „Heel“ der Böse. Außerdem essentiell im Wrestling-Terminus: Abkürzungen aus drei Buchstaben. WWF, WWE, ECW, GSW – dieser Tradition folgend kürzt sich das Heft selbst W.A.S ab. Die drei besten Headlines: 1. Happy Slammiversary 2. Reinvigoration-X! 3. Der Verdammtenten 30 Tage! (kein Schreibfehler) Der Leser: „Was ist mit Chris Jericho passiert? Hat man ihn echt gefeuert? Ich misse den Ayatollah von Rock n Rolla, er war fett cool und auch ein krasser Sänger.“ (Jerichos No.1 Fan) Das schönste Bild:

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Das sagt die Redaktion: „Die Echos der „ECW! ECW! ECW!“ Sprechchöre in meinem Hinterkopf malen Bilder von zerschmetterten Tischen, vergossenem Blut und Stühlen schwingenden Hardcore-Freaks vor meinen Augen, welche die ECW so unvergesslich, so unschlagbar, so unverfälscht und so fantastisch machen!“ Das Extra: Das "Babe des Monats", eine junge Frau in Jeans und Halterneck-Top. Nicht sehr aufregend. Dagegen verdächtig: Das Centerfold-Poster zum Heraustrennen ziert ein männliches Muskelpaket namens Batista. Was wir gelernt haben: Wrestling-Fans lieben Gewalt und sind sehr wählerisch, was die Wahl ihrer drei Lieblingsbuchstaben angeht. Tippfehler sehen sie dagegen gerne nach, davon sind jede Menge im W.A.S.. Außerdem hängen sich die echten Fans lieber Poster von großbusigen Männern als von Frauen auf. +++ Magazin 5: Girlfriends Worum geht’s? Um Mädchen. Beziehungsweise das, was Mädchen interessiert. Der Subtitel „Jungsfreie Zone“ deutet schon an, dass sich dieses Teenager-Magazin an Mädchen richtet, die so jung sind, dass Jungs sich aus ihrem Leben am besten vorerst lieber mal raushalten sollten. Den Inhalt fasst der Amerikanismus „Bubblegum“ am besten zusammen. Hemmungslos aktivierende Aufreißer („Schmink dich wie die Stars!“) neben Expertisen aus Beyoncés Kleiderschrank; Selbsttests, bei denen man herausbekommt, welches Deo am besten wirkt („Wirst du schnell nervös?“), oder ob man das Zeug zur Sportmoderatorin hat; die obligatorische Fotolovestory und die gern genommenen „peinlichen Geschichten“ aus der Sicht vorpubertärer Mädchen. Bedenklich: Das Heft steckt so voller arg suggestiver Werbebotschaften, dass einem die zahllosen später bankrotten Jugendlichen, die hier herangezüchtet werden, jetzt schon leid tun. Die drei besten Headlines: 1. Jetzt wird’s echt kuhl 2. Einfach bärig! 3. Mach’s wie Barbie Die Leserin: „Liebe Girlfriends, ich find euch echt super, ihr seid echt klasse. Eure Zeitschrift ist so toll. Bis jetzt habe ich jede Ausgabe von euch.“ (Alexandra aus Trossingen) Das schönste Bild:

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Das sagt die Redaktion: „Für diese tierisch gute Girlfriends Ausgabe hatten wir vierbeinige Unterstützung. Mickys kleiner Labrador-Mischling Mia und Sarahs Schlittenhund-Mix Jessie hielten uns auf Trab. Tanjas Hund war der bravste – er ist nur aus Plüsch!“ Beste Werbung: Das PC-Spiel „Pferd und Pony“, ein Pferdepflege-Simulator, wirbt mit dem Slogan „Freunde muss man pferdienen“. Das Extra: Hier bekommt die Leserin etwas für ihr Geld. Im Heft: ein großes Wendeposter mit Christina Aguilera und Emma; am Heft klebt ein abschließbares Barbie-Tagebuch sowie ein höhnischer Fritt-Kaustreifen. Was wir gelernt haben: Acht- bis elfjährige Mädchen reiten gern, lieben Tiere und sind die kaufkräftigste Zielgruppe von morgen; man kann etwa 16 Millionen verschiedene Farben auf einer Magazinseite locker unterbringen.

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