Anne und ihre Jobs: Als ich Archivdame war

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Eines Tages wachte ich auf und fühlte mich in Hildesheim ganz und gar zu Hause. Das Studium lief super, meine WG war erste Sahne, ich hatte einen Freund, den ich liebte und einen prima Job. Ein Poesie-Album! Naja – ich träumte noch ein bißchen. Zehn Minuten nach dem Aufwachen vergilbte das Glitzerbildchen bereits. Auf meinem Schreibtisch stapelten sich die liegengebliebenen Referate. Mein cholerischer Mitbewohner polterte durch den Flur und schlug die Türen. Mein Freund brachte mir keinen Kaffee ans Bett, weil er in Italien lebte, und mein Nebenjob war – akzeptabel. Fünfzehn Stunden pro Woche arbeitete ich im Verwaltungsdezernat der Uni mit nie gekanntem Luxus: Weihnachtsgeld, bezahlter Urlaub – selbst wenn ich krank war, bekam ich mein Gehalt. „Pling“ machte die Stempeluhr, wenn ich zu Arbeitsbeginn und -ende meine Pappkarte einsteckte. Ich hatte wirklich keinen Grund, mich zu beschweren. Der Humor meiner Kollegen war allerdings gewöhnungsbedürftig. Allen voran Herr Berger. Als ich gerade Akten sortierte, steckte er den Kopf ins Zimmer und sagte: „Ich geh kaputt ... äh, ne ... zu Mittag! Höhöhöhö.“ Ich zog eine Grimasse, die er als Lächeln interpretierte. Zufrieden machte er sich auf den Weg zum Mittagessen. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, rümpfte ich die Nase. Meine Berger-Parodien am Abend in der WG wurden legendär und brachten mir Applaus ein. Zu besonderen Anlässen (Geburtstage, Babyvorzeigungen ehemaliger Mitarbeiter, eingegipste Körperteile) mußte man sich versammeln und Sekt trinken und Schnittchen essen. Wenn ich mich davor nicht drücken konnte, lehnte ich in der Nähe einer Hydrokultur, um zur Not schreckliche Getränke und kulinarische Katastrophen unauffällig verschwinden zu lassen.

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Illustration: Julia Schubert

Ich fing an, ein Doppelleben zu führen. In dem einen stand ich auf Seiten der Studenten, in dem anderen gehörte ich zur Unicrew. Am Besten war, wenn die beiden sich möglichst nicht in die Quere kamen. Das führte im Alltag zu Zwiegespaltenheit, beispielsweise in der Mensa. Wo sollte ich mich hinsetzen? Zu den Kommilitonen? Zu den Kollegen? Eine Seite war immer befremdet. Immer häufiger zog ich mich ins Uni-Archiv zurück. Es gibt etliche Gerüchte von Städten mit Unterkellerung. Angeblich kann man unterirdisch von Stockholm bis Moskau gehen. Das kann ich natürlich nicht beweisen. Aber unter der Hildesheimer Uni existierte tatsächlich ein ansehnliches Labyrinth. Die Daten waren noch nicht digitalisiert, und mußten aus rechtlichen Gründen ewig aufgehoben werden. Endlose Gänge mit grauen Schränken voller Akten, eine jede die Kurzzusammenfassung eines ganzen Lebens. Ich baute mir eine Höhle in einer abgelegenen Ecke. Die meisten Mitarbeiter scheuten sich ohnehin, das Papiergewölbe zu betreten. Ich bin sogar sicher, man hätte mir eine Belohnung gezahlt, hätte ich alles „aus Versehen“ in Brand gesteckt. Wenn ich mit der Ablage fertig war, griff ich irgendwo zwischen A und Z in die Akten, und fing an zu lesen. Tagaus, tagein. Mein cholerischer Mitbewohner knallte weiter die Türen, Herr Berger machte weiter schlechte Witze, und ich wachte weiter ohne Kaffee-Service auf. Aber mein Flug nach Italien war gebucht! Mittwochmorgen um 8.00 Uhr sollte es losgehen. Noch nie hatte ich so fröhlich die Akten sortiert wie am Nachmittag davor. Das ‚Pling’ der Stempeluhr am Feierabend um 18.00 Uhr war das Schönste, was ich je gehört hatte. Im Bus, als der Fahrer nach meiner Karte fragte, stand ich dann wie schockgefrostet: mein Geldbeutel war weg! Und damit: mein Reisegeld, mein Flugticket, mein Ausweis. (Eigentlich hieß es doch: mein Haus, mein Boot, mein Auto?) Ich suchte alle Plätze ab, an denen ich gewesen war: nichts. Ich ließ meine Karten sperren und rief bei der Fluggesellschaft an. Die sagten, ich bräuchte in jedem Fall meinen Paß, um ein neues Flugticket ausgestellt zu bekommen. Mittlerweile war es 20.00 Uhr abends, ich sah das Flugzeug am nächsten Morgen ohne mich fliegen, setzte mich auf die Stufen vor der Uni und war kurz davor, zu heulen. Jemand tippte mir auf die Schulter. Ausgerechnet: Herr Berger. Blöde Sprüche waren wirklich das letzte, wonach mir der Sinn stand. Ich erzählte ihm, was passiert war. „Keine Panik“, sagte er, „jetzt fahren wir erstmal zur Polizei.“ Das stellte sich als nutzloses Unterfangen heraus. Um 22.00 Uhr hatte ich zwar meinen Geldbeutel als vermißt gemeldet, war sonst aber keinen Schritt weiter, dafür auf dem besten Weg, endgültig die Nerven zu verlieren. Herr Berger schleppte mich in die nächste Kneipe und bestellte mir einen Schnaps. Dann brachte er mich nach Hause. Am nächsten Morgen um 4.30 Uhr fuhr Herr Berger mich zum Flughafen. Meine Mitbewohner hatten zusammengelegt, so daß es für das Nötigste reichen würde. Beim Bundesgrenzschutz bekam ich mit meiner Geburtsurkunde einen vorläufigen Ausweis und am Schalter ein neues Flugticket. Herr Berger spendierte mir einen Kaffee und ein Croissant. Am Gate drehte ich mich zu ihm um. Er winkte und sah sehr müde und sehr zufrieden aus. Ich erblickte mein Spiegelbild in der Schwingtür und bemerkte plötzlich das hohe Roß, auf dem ich gesessen hatte. Und schämte mich für meine Hochnäsigkeit. Freunde würden Herr Berger und ich zwar nicht werden. Aber bei dem Gedanken, wie ich auf ihn herabgesehen hatte, kam ich mir schäbig vor. Was hatte ich schon für ein Recht, mich über eine andere Lebenseinstellung derart erhaben zu fühlen? Wahrscheinlich konnte er mindestens ebensowenig mit mir anfangen, wie ich mit ihm. Trotzdem hatte er mir den halben Abend und die halbe Nacht geopfert. Vielleicht hätte Winnetou auf so einem Riesenpferd sitzen dürfen – mir jedoch stand das weniger gut zu Gesicht. Als ich am nächsten Morgen in Italien aufwachte, stieg mir Espressogeruch in die Nase und jemand strich mir übers Haar. Tombola! Ohne Herrn Berger wäre ich wahrscheinlich in Hildesheim vom Türengedonner aufgewacht. Ich nahm mir fest vor, Prosecco und Pralinen für das ganze Dezernat mitzubringen. Die Witze von Herrn Berger würde ich zwar nicht besser finden, aber das hohe Roß kam zurück auf die Weide. Das hatte sich einen ruhigen Lebensabend redlich verdient.

Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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