Anne und ihre Jobs: Als ich Bürodame war

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Irgendwann ließ das krankheitsbedingte Luftpolstergefühl unter meinen Füßen wieder nach. Was blieb, waren die Jahresringe unter meinen Augen. Es war nicht zu leugnen: Ich war beinahe dreißig und auf die Frage nach meinem Beruf reagierte mein Körper gerne mit spontanem Hörverlust. Was hatte ich schon vorzuweisen? „Ich schreibe“, war meine häufigste Antwort, so vage wie Traumreste bei Tageslicht. Das erweckt nicht gerade Vertrauen. Wie ein Arzt, der auf die Berufsfrage sagt: „Ich doktore hier und da herum.“

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Illustration: Julia Schubert

Der nächste Winter stand vor der Tür und räusperte sich demonstrativ, alle hatten Eisatem im Mund und Fernweh in den Augen. Ich dachte nicht daran, mit dem Schreiben aufzuhören. Aber ich begann, über Alternativen nachzudenken. Ich könnte bei einer Castingshow mitmachen. Ich könnte die Königin von Mallorca werden. Ich könnte bei irgendwas olympisches Gold holen, mich in ein Fernseh-Überwachungs-Haus sperren lassen, Bundeskanzlerin werden. Bei Überprüfung auf Umsetzbarkeit hielt keine der Ideen stand. Eigentlich scheiterte alles an demselben Problem: Ich bin nie eine Rampensau gewesen, und würde auch nie eine sein. Nein, nicht mal eine ganz kleine. Ich hörte mich nach Jobs um. Etliche Bewerbungen waren ins Leere gelaufen und ein Kellnerjob, den ich ganz gerne gemacht hätte, wurde mir abgesagt, weil nur Studenten eingestellt wurden. Mal wieder gehörte ich nirgendwo hin, war entweder nicht qualifiziert genug oder zu sehr. Die Rettung kam wie meist überraschend und gerade noch rechtzeitig. Nach einem Vorstellungsgespräch engagierte mich ein Schulliteratur-Verlag als Aushilfe, um Werbebriefe zu texten und zu tippen. Für drei Monate hatte ich einen Büroplatz und einen Boss. Bekannte Büro-Damen fielen mir aus dem Stegreif nicht viele ein. Moneypenny natürlich, als nächstes Mildred Krebs – dann wurde es schon eng. Zwischen diesen beiden Damen hingegen war sehr viel Platz. Schon als Mädchen schwärmte ich für Detektive. Erst Kalle Blomquist, dann Perry Clifton und Remington Steele, später Philip Marlowe und Sam Spade. Ich hatte das genau vor Augen: ein zigarrenverqualmtes Zimmer mit Milchglasscheibe, Jalousien-Dämmerlicht und ein Schreibtisch, hinter dem – mit Hut, Zigarette und den Schuhen auf dem Tisch – der Boss saß. Ich beschloß, eine 1 A-Bürodame zu werden und bereitete mich vor. Im Internet stieß ich auf ein ‚Sekretärinnen-Handbuch’. Dort wurden die Qualitäten einer „top“ Sekretärin verglichen mit denen einer Diplomatin, Düsenjäger-Pilotin, Hotel-Empfangsdame, Feuerwehr-Frau, Top-Managerin, Zirkus-Artistin, etc. Das versprach doch mal Abwechslung und Abenteuer! Am Morgen zog ich mein schmuckes Sekretärinnen-Kostüm an und blickte in den Spiegel. Ohne Probleme hätte ich in den sechziger Jahren im Vorzimmer eines zwilichtigen Detektives Platz nehmen können. Ich übte noch kurz meinen herablassenden, aber verschwiegenen Augenaufschlag und machte mich auf den Weg. Das Bürogebäude sah von außen so aus, wie ich mir einen albgeträumten Nierenstein vorstelle. Die Luft war überheizt, hier und da vegetierten angegraute Hydro-Kulturen vor sich hin. Auf der Toilette standen Zahnputzbecher in Reih und Glied. Wahrscheinlich mußten hier alle ‚Karius und Baktus’ lesen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß Philip Marlowe Zahnpflegeartikel auf seiner Diensttoilette gehabt hatte. Die Empfangsdame war höflich, musterte mich aber irritiert von Kopf bis Fuß. In meinem altmodischen Miss-Moneypenny-Dress wirkte ich wohl fehl am Platz. So hatte ich mir das mit dem Büro nicht vorgestellt. Zugegeben, ich war ja auch nicht in einem Detektivbüro. Aber trotzdem. Wo war Humphrey Bogart? Oder wenigstens Pierce Brosnan? Ich fürchte, mein Traumbüro ist längst Legende. Ein Klischée, das nur in Büchern, Schwarz-Weiß-Filmen und dem Werbefernsehen existiert und reichlich an Charme verloren hat. Dennoch: Wenn ich das Gebäude verließ, war die Arbeit vorbei. Am Ende des Monats schrieb ich eine Rechnung und zuverlässig floß das Geld auf mein Konto. Das war ein ungewohntes, gutes Gefühl. Die Arbeit war keine riesige Herausforderung, verlangte aber Konzentration und Fleiß. Der Stapel mit den zu erledigenden Schreiben war hoch, und ich baute ihn Stück für Stück ab. Man sah, was man geschafft hatte. Allerdings war ich nur für die Streßphase des Verlages engagiert – das heißt, die neue Arbeit kam schneller hereingeflattert, als ich sie erledigen konnte. Die Frustrationskurve stieg. Ich war die einzige ohne Zahnbürste und ohne einen ‚feschen Spruch’ auf der Tasse. Nach der Arbeit hatte ich noch lange den Geruch von Mikrowellen-Suppe in der Nase. Ich bin nie ein Mensa- oder Kantinenmensch gewesen. Meine Besuche in diesen Einrichtungen kann ich an meinen eigenen Fingern abzählen. Wie hielt sich Miss Moneypenny frisch und enthusiastisch? Ich schlug noch einmal im ‚Sekretärinnen-Handbuch’ nach: „So machen Sie sich jetzt als Sekretärin unersetzlich. Und Ihren Chef noch erfolgreicher“, las ich. Immer ging es nur darum, den Chef gut aussehen zu lassen. War das der Grundsatz einer Miss Moneypenny? Langsam dämmerte mir, daß ich für diesen Job die falsche Einstellung mitbrachte. Aber es galt ja auch nicht, auf Lebenszeit dort zu arbeiten. Miss Moneypenny war schließlich über die Jahre auch ein paar Mal ausgetauscht worden. Es war für mich kein Herz-und-Seele-Job für immer, aber eine angenehme Abwechslung mit klaren Vorteilen. Ich mußte mich nur darauf einlassen. Seit fast drei Jahren arbeite ich dort jeweils zwei Monate im Winter. Gehe unter den Arbeitsbergen verloren, trinke zu viel Kaffee, husche geschäftig durch die Gänge und grüße im Vorbeigehen freundlich. Und ich mache es gerne. Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, sage ich: „Ich bin Bürodame.“ Damit bleiben selten Fragen offen, und auch das tut gut. Zwei Monate sind die perfekte Zeitspanne. Am Anfang genieße ich meine Verwandlung, und gerade, wenn mein Ehrgeiz nachläßt, geht der Job zu Ende. Sogar die Kantine besuche ich manchmal. Immer an meinem letzten Feierabend zelebriere ich mein persönliches Ritual: Ich ziehe mein Büro-Kostüm wieder an, einen Trenchcoat darüber und setze einen Hut auf. So gehe ich in mein heimisches Arbeitszimmer, lege die Füße auf den Tisch, trinke Whiskey, rauche eine Zigarette nach der anderen, bis alles dunstig qualmt und schaue mir Humphrey Bogart in „Die Spur des Falken“ an. Auf diesen Abend freue ich mich immer schon am ersten Tag jedes neuen Winters. So gehen die zwei Monate im Büro flugs vorbei.

Text: anne-koehler - Illustration: katharina-bitzl

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