Anne und ihre Jobs: Als ich Eventmanagerin war

Nebenjobs machen uns zu dem, was wir sind. Was sie aus unserer Autorin machten, steht hier.
anne-koehler

Vorbildlicher Herbst in Hildesheim: die Sonne schien golden auf die Kirchenfassaden, rotgefärbtes Laub rieselte zu Boden, Kinder und junge Hunde tollten durchs Bild – ein Postkartenmotiv! Trotzdem lief ich angespannt durch die Straßen, als ginge mich der Herbst nichts an. Studienbegleitend machte ich seit einigen Monaten ein Praktikum am Museum. Um das Image aufzupolieren, planten wir verschiedene Events. In dieser Mission war ich an jenem Morgen unterwegs zu einem 90-Jahre alten Herrn. Er war eine Koriphäe am Theater gewesen, und ich wollte ihn bitten, bei einer weihnachtlichen Veranstaltung in der Domkapelle den Sonnengesang zu lesen. Die Lesung würde von einem Orchester musikalisch umrahmt und mit Glühwein und Brezeln im Kreuzgang besiegelt werden.

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Illustration: Julia Schubert

Ich wußte nicht, was mich erwartete. Als Kind hatten mich die Besuche bei meinen Großeltern enorm fasziniert: der museale Geruch, das Ticken der Pendeluhr, die schweren Orientteppiche – in allen Gegenständen nistete verronnene Zeit. Selbst in den großgewachsenen Ohren, jeder Falte und Pore. Doch je älter ich wurde, um so mehr ängstigte mich das. Die Buttercremtorten, die zittriger werdenden Hände, die zunehmende Vergeßlichkeit. Man sah den Menschen beim Verblassen zu – das machte mir zu schaffen. Von meinen Großeltern war nur noch mein Großvater übrig. Ich sah ihn viel zu selten und hatte ein schlechtes Gewissen. Deshalb war mir vor der Begegnung mit dem alten Herrn mulmig zumute. Ich traf auf einen Gentleman mit Märchenerzählerstimme. Er drückte meine Hand zur Begrüßung, herzlich und warm. In seiner Wohnung roch es kein bißchen nach Antiquitätenladen. Statt Buttercremetorte gab es frischen Streuselkuchen. Das einzige, was mich an meine Großeltern erinnerte, war der Filterkaffee mit Kaffeesahne und Würfelzucker. Als der Herr still den Text durchlas, begannen seine Augen zu glänzen. Ich glaube, es war diese Mischung aus Rührung und Trauer, die man meist nur bei sehr alten Menschen beobachten kann. Ich mußte an meinen Großvater denken und wie lange ich ihn nicht mehr angerufen hatte. Ich erzählte dem Herrn, wie wir uns die Veranstaltung vorgestellt hatten. Er mochte die Ideen, und wir wurden uns schnell einig. Er half mir in den Mantel und winkte mir nach. Auf dem Heimweg spürte ich endlich die Sonne auf der Haut, den Wind, ich roch das Laub – ich gehörte zum Herbst dazu. Abends rief ich meinen Großvater an. Er hielt nicht viel vom Telefonieren, es sei denn, es gab etwas zu besprechen. Sofort fragte er nach dem Grund meines Anrufs. „Nur so. Ich wollte hören, wie es dir geht“, sagte ich. Da mein Großvater nicht mehr gut hörte, sagte ich dasselbe noch einmal sehr laut. „Gut“, antwortete er, und kurz darauf: „Na dann, alla tschüß.“ Ich mußte lächeln – ‚Alla hopp’, ‚alla gut’ und ‚alla tschüß’ – das war das ganze Gespräch wert, es klang nach zu Hause und Kindheit und alten Zeiten. Zwei Monate später war es soweit. Unsere Öffentlichkeitsarbeit hatte perfekt funktioniert: in der Kapelle raschelte es voll besetzt vor sich hin. Langsam legte sich die Unruhe – und erwartungsvolle Stille breitete sich aus. Dann spielten die Musiker den Auftakt. Ich führte den alten Herrn zum Pult. Der Weg kam mir unendlich lang vor. Seine Hand lag kühl in meiner – und das sicher nicht nur wegen der niedrigen Temperatur in der Kapelle. Ich hatte sein Alter unterschätzt. Ich hatte die Aufregung vergessen. Zittrig drückte er meine Hand. Ich hörte ihn schwer atmen. Ich blieb hinter ihm stehen, als Rückenstärkung. Er holte Luft und fing an zu lesen. Es war unglaublich, wie robust er plötzlich wirkte. Seine Stimme erreichte noch den verstecktesten Winkel des großen Raums. Lernen Schauspieler das heute überhaupt noch? Die Worte schienen wie für ihn gemacht zu sein. Das Publikum hielt die Luft an. Musik, Lesestimme, Text und Ort paßten so gut zusammen, daß alles unter einen Zauber geriet, als wäre es nicht ganz von dieser Welt. Erst später im Kreuzgang, als wir alle mit einem heißen Glühwein beieinanderstanden, verflog das Magie-Gefühl ein wenig. Der alte Herr sah jetzt sehr müde aus. Ich hakte mich bei ihm ein und brachte ihn zum Wagen. Ich versprach, bald zum Kaffeetrinken vorbeizukommen, und diesmal freute ich mich richtig darauf. Trotzdem kam in den folgenden Wochen jedes Mal etwas dazwischen. Immer schien anderes dringender und unaufschiebbarer. Und dann war der alte Herr tot. Ich las es in der Zeitung. Es war gerade der Übergang zwischen Winter und Frühling. Ich mußte an sein müdes Lächeln beim Abschied denken, und daß es die Müdigkeit am Ende eines langen Lebens gewesen sein mußte. Und daß ich mein Versprechen nicht eingehalten hatte – weil alles andere wichtiger gewesen war. Sechs Jahre ist das jetzt her. Mittlerweile ist auch mein letzter Großvater gestorben. Aber vor kurzem klingelte ich im ersten Stock, wo ein Päckchen für mich abgegeben worden war. Mein ca. 80-jähriger türkischer Nachbar öffnete und händigte mir mein Paket aus. Dann lud er mich auf einen Kaffee ein. Fast hätte ich abgelehnt, denn eigentlich hatte ich keine Zeit. Aber dann dachte ich wieder an den alten Herrn, den ich nicht besucht hatte, und an meine Großeltern. Ich willigte ein und betrat die kleine Ein-Zimmer-Wohnung. Alles war leicht heruntergekommen, aber sehr sauber. Zwischen glitzernden Stoffblumenarrangements standen bunte Sprüh-Putzmittel. Ein Ofenrohr führte mitten durch Wohn- und Schlafzimmer. Er bot mir einen Sessel und Kekse an und machte mir einen Kaffee. Er schmeckte scheußlich. Und doch herrlich. Schlechter Filterkaffee in Gesellschaft alter Herrschaften ist durch nichts zu ersetzen. Ich blieb eine Stunde und ließ mir Fotos zeigen von seiner Familie in der Türkei. Leider war sein Deutsch nicht besonders gut, und wir konnten nur schwer plaudern. Aber er schien schon glücklich zu sein, daß ich auf seinem Sessel saß und seinen Pulverkaffee trank und er ab und zu seine Hand auf meine legen konnte. Ja, das hätte man beim Anblick dieses Bildes denken können: daß eine junge Frau einem alten einsamen Herrn einen Gefallen tat, indem sie eine Stunde ihrer kostbaren Zeit opferte. Aber so war das gar nicht. Ich saß dort nicht seinetwegen, sondern meinetwegen. Er war es, der mir einen Gefallen tat. Für mich ging es nur um eine mickrige Stunde meiner Zeit. Und dafür bekam ich das Gefühl einer klitzekleinen Wiedergutmachung eines vor Jahren gebrochenen Versprechens.

Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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