Anne und ihre Jobs: Als ich Praktikantin in Israel war

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Hildesheim: Eines Morgens fand ich einen Zettel an meinem Fahrrad, das ich gegenüber an die nächste Straßenlaterne geschlossen hatte. Ein Computerausdruck, den jemand bienenfleißig gegen jedes Wetter gewappnet in Folie eingetackert und mit einer Kordel an meinem Lenker befestigt hatte: An die Besitzerin dieses Fahrrades Bitte lassen Sie Ihr Fahrrad hier nicht ständig stehen, wir stellen Ihnen unsere Sachen auch nicht vor die Tür. Vielen Dank. Ich bekam einen heftigen Anfall von Fernweh. Mein Spiegelbild fiel in eine Pfütze auf der Straße, dahinter der graue Himmel. Ich fuhr zum Flughafen Hannover. Immer häufiger machte ich das in letzter Zeit, den Reisepaß griffbereit, man konnte ja nie wissen. Ich stellte mich auf die Aussichtsterrasse und sah den Flugzeugen beim Wegfliegen zu. Doch mein Gefühl blieb zentnerschwer mit mir am Boden: Ich war 22 und hatte noch nicht viel gesehen von der Welt. Kurz vor Weihnachten fiel in einer Politikvorlesung der Hinweis auf ein kleines Studienzentrum in der Wüstenhauptstadt Beer Sheva in Israel. Schnapsidee, Israel, dachte ich. Die zweite Intifada war im Gange, die Amerikaner empfahlen niemandem mehr die Einreise und in der Wüste wäre es für Wintermenschen wie mich bestimmt viel zu heiß. Ein paar Wochen später saß ich im Flugzeug. Frankfurt am Main, minus 5 Grad, abheben, dann im Nirgendwo sein, wenig nachdenken, Wolken anschauen, Musik hören. Tel Aviv, 24 Grad. Viele Fragen beantworten bei der Kontrolle. Wer, wohin, warum, zu wem, wie lange? Eine Telefonkarte kaufen (mit Luftwaffenmotiv), im Büro anrufen, auf einen Bus warten – ich kam mir vor wie ein Forschungsreisender. Nicht gerade Gagarin, aber ein bißchen Humboldt vielleicht. Im Bus plauderte ich auf englisch mit einem adretten älteren Herrn neben mir. Irgendwann fragte er, woher ich käme. Als ich Deutschland sagte, fragte er, woher genau. Und als ich Hildesheim sagte, da lachte er, bis er Schluckauf bekam und fast vom Sitz rutschte. Als er sich einigermaßen beruhigt hatte, holte er eine Visitenkarte heraus und gab sie mir. Neben mir saß: Herr Hildesheimer! Also wirklich.

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Illustration: Julia Schubert

Ich blieb drei Monate als Praktikantin am Zentrum für deutsche Studien. Mein Chef ließ mir viel Freiraum, ich sollte mich möglichst viel umschauen. Ja, auch die Arbeit, die man mir zuteilte, war wichtig und mußte gemacht werden. Aber ich merkte sehr schnell, daß das nicht im Vordergrund stand. Die Hauptsache war nicht, Lektorieren und Korrekturlesen und Recherchieren zu lernen oder den Deutschkurs zu begleiten. Es ging nicht um praktische Fertigkeiten, sondern um etwas viel Grundlegenderes, Persönlicheres. Zwei Tage nach meiner Ankunft starben 3 Personen in Netanya bei einer Bombenexplosion, 90 Verletzte. Solche Nachrichten gab es regelmäßig. Mal sollte man nicht Bus fahren, mal nicht in bestimmte Städte. Ich sah Mädchen und Jungen, jünger als ich, mit Maschinengewehren. Ich lernte, Atmosphären zu unterscheiden, Waffen mit eingelegten Magazinen als Warnsignal zu verstehen, ließ meine Taschen vor dem Betreten öffentlicher Gebäude durchsuchen. Es ist schwer, das alles zusammenzufassen. Einige Szenen: • Ich sitze in der Wüste in einem Beduinenzelt, davor Kamele im Feuerschein. Es gibt Tee, Lamm und Rosinen-Mandel-Reis, Kamelmilch und Cola. Draußen auf dem Hügel steht ein Klo-Häuschen. • Ich stehe auf dem Dach des Österreichischen Hospiz und blicke über die Dächer und das Antennenmeer der Jerusalemer Altstadt. Die Blaue Stunde. Der Gesang eines Muezzins bringt die Luft zum vibrieren. Es ist friedlich. • Ich laufe durch den arabischen Teil der Jerusalemer Altstadt, in der eigentlich Marktgeschrei und Tohuwabohu herrschen sollten. Die Läden sind dicht, flirrende Hitzestille, die Gassen menschenleer. Bis auf ein kleines Kind, das auf mich zukommt, die Hand hebt, und mich mit einem Plastikpfeil erschießt. • Ich sitze im Büro und muß ein Manuskript über den Holocaust von alter in neue Rechtschreibung umarbeiten. Immerzu streiche ich ein ‚ß’ durch und schreibe ein ‚ss’ an den Rand und spüre viel Last auf den Schultern. • Am Holocaust-Gedenktag gehen die Sirenen los und die ganze Welt steht eine Minute lang still: Autos halten, die Leute steigen aus, stehen und schweigen. Später am Uni-Tor bekomme ich einen Aufkleber mit Davidstern. Alle tragen ihn gut sichtbar auf der Herz-Seite. Ich halte ihn lange in der Hand. Wenn mich heute jemand fragt, was ich bei diesem Praktikum gelernt habe, finde ich darauf keine kompakte Antwort. War ich vorher davon ausgegangen, daß ich eine Fremde entdecken würde, hatte ich den Rückkopplungseffekt vergessen. Mein Empfinden für meine eigene Situation hatte sich verändert. Kurz vor meiner Abreise sprach ich mit einem russischen Studenten aus dem Deutschkurs. Er hatte die Nachricht bekommen, daß er im folgenden Monat seinen Militärdienst antreten mußte. Für ihn bedeutete das, sein Studium für drei Jahre zu unterbrechen. Ich war eher zufällig in Israel gelandet, Auslöser war die Pedanterie meiner Nachbarn. Ich hatte mir die Zeit einfacher vorgestellt. Oder vielleicht hatte ich mir gar nichts konkret vorgestellt. Vermutlich sind die Erfahrungen am eindringlichsten, die uns mit Schwierigkeiten konfrontieren, die uns an unsere Grenzen stoßen lassen. Und ich war an Grenzen gestoßen. In Israel selbst war mir das nicht permanent bewußt. Aber als ich nach drei Monaten am Flughafen Hannover landete, wurden meine Schultern leichter und der Boden unter den Füßen fester. Eine Anspannung verschwand, an die ich mich längst gewöhnt hatte. Als wir das Ortsschild von Hildesheim passierten, mußte ich lächeln. Daß mein Gepäck nicht mitgekommen war, fand ich gar nicht so schlimm.

Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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