Anne und ihre Jobs: Als ich Sortierer war

Nebenjobs machen uns zu dem, was wir sind. Was sie aus unserer Autorin machten, steht hier.
anne-koehler

Der Papst kam dann doch nicht auf ein Bier vorbei. Aber das verzieh ich, er war ja vielbeschäftigt, im Gegensatz zu mir. Gerade frisch gekündigt, beschloß ich, endlich zu erledigen, was vorher die ganze Zeit liegengeblieben war: die Post! Damals gab es noch Postämter mit Postbeamten – eine Einrichtung, die heute im Schwinden begriffen ist. Am Schalter stand ein robuster, kompakter Post-Mann und blickte mich wenig erwartungsvoll an. „20 Briefmarken hätte ich gerne, für Postkarten“, sagte ich, „die richtigen, mit den Zähnen.“ Der Post-Mann schnaubte, kramte herum und legte mir zwei Heftchen hin, mit 1A Briefmarken-Imitaten. „Nein, ich meine die richtigen, die man anlecken muß...“ „Was haben Sie denn gegen die? Also die selbstklebenden sind hier sehr beliebt!“ Jetzt grunzte er aggressiv, als hätte ich ihn persönlich beleidigt. „Naja, mein Vater sammelt Briefmarken, vielleicht deswegen ...“, lenkte ich ein. „Achso – diese Sammler sind sowieso ganz komische Vögel“, sagte er, und mit demonstrativer Abneigung holte er mir die Briefmarken. Dann gab ich ihm meinen vorbereiteten Umschlag, der nach Hong Kong sollte. Er schmiß ihn auf die Waage und leierte Versandmöglichkeiten herunter, die nicht gerade günstig waren. „Wenn ich den jetzt nicht mit Luftpost schicke...“, fing ich an. „Dauert was länger.“ „... wie, bringen Sie das dann mit dem Schiff?“ Spätestens jetzt hasste er mich. „Ne. Aber Express ist schneller.“ Ich überlegte, ob die Express-Post vielleicht mit einem Düsenjäger geschickt würde und die normale Post mit einem Heißluftballon, wollte schon nachfragen, aber der Blick des Post-Mannes und meine Stimme der Vernunft sagten synchron: Halt besser die Raffel! „Normal“, murmelte ich und hielt seinem eisigen Blick der Verachtung stand. Bei meinem vorigen Job mußte ich adrett aussehen, bezaubernd lächeln, viel laufen und höflich plaudern. Ich hatte das angeprangert, deshalb wollte ich mich jetzt nicht beschweren, dass das hier anders lief mit der Verkäufer-Kunden-Bindung. Mürrisch gucken, rotzig reden und wenig bewegen – so sah die Sache hier aus. Ich fragte ihn, ob sie vielleicht eine Aushilfe bräuchten. Vier Wochen später trat ich meinen Dienst im Briefzentrum Lichtenberg an. Ich weiß nicht mehr, was die Medien damals zu Lichtenberg zu sagen hatten, aber mir schwant: nichts Gutes. Mein Vertrag war auf zwei Monate befristet. Sechs Tage die Woche begann mein Tag um eine Uhrzeit, zu der man sich noch nicht lebendig fühlt. Um 3.30 Uhr blickte ich in den Spiegel. Draussen war es zappenduster, die Glühbirne zersprungen, ich erkannte nur Schemen und war darüber ganz froh. „Ich bin von der Post“, sagte ich in die Schatten hinein und versuchte, zuversichtlich und stolz zu klingen.

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Illustration: Julia Schubert

Dann saß ich klitzeklein vor einem riesigen Holzregal mit unzähligen Fächern, wie ein monströser Setzkasten sah das aus. Unter jedem Fach eine Ziffer mit Straßenname, teilweise längst ersetzte Namen in Klammern: Stalinallee, Leninallee, usw. Tausend Fächer und ich. Am Anfang ging alles unendlich langsam. Die Mütze tief im Gesicht, der Blick auf die Adresse, die Erinnerung an eine Zahl, ab ins Fach, Adresse, Zahl, Fach, Adresse, Zahl, Fach, ... so sortierte ich Morgen für Morgen alles weg. Nach einer Woche bewegten sich meine Hände zielsicher und ohne nachzudenken. Diese Stunden des Sortierens waren wohl die ungrüblerischsten meines ganzen Lebens. Kein Gedanke konnte sich in andere Gefilde verirren. Mein Kopf ordnete drei Stunden lang Wörter den Zahlen zu – sonst nichts. Mit jedem Handgriff schwand die Arbeit, bis alle Kisten leer waren. Eine Aufgabe mit einem klaren Ergebnis. Endlich eine Arbeit, bei der man sah, was man geschafft hatte! Danach reichte es noch für einen Kaffee, schwarz, ohne Schi Schi, dann ab in die Uni. Während ich schon wach in der U-Bahn saß, waren die meisten Mitreisenden noch wach. Sie demonstrierten mir, was ich alles verpasste. Und wirklich sank mein soziales Leben auf einen Nullpunkt. Wenn man spätestens um 22.00 Uhr in die Kiste geht, und zwar um zu schlafen, macht kaum einer mit. Ausserdem traute ich mich nicht mehr, irgendwen zu mir nach Hause einzuladen. Ich bin immer recht unordentlich gewesen. In diesen Wochen jedoch nahm das Chaos in meiner Wohnung labyrinthische Ausmaße an, dabei hatte ich damals nicht viel. Für jeden freien Tag nahm ich mir vor, aufzuräumen, aber es gab keine Fächer mit Zahlen für meine Habseligkeiten, so legte ich sie ratlos auf den Boden zurück. Aber ich war eine prima Sortiererin. Während die Kollegin neben mir jeden Brief minutenlang in der Hand hielt und das richtige Fach suchte, machten meine Hände alles automatisch. Ich kam morgens an, stand vor einem sichtbaren Aufgabenberg und trug ihn Schicht für Schicht ab. Niemals wieder stand mir das Ergebnis einer Arbeit so konkret vor Augen. Und wenn ich nach dem Sortieren im Hinterraum die Briefe mit kryptischen Adressen entzifferte und ergänzte, stellte ich mir immer vor, wie die Empfänger sie bald voll Freude in der Hand halten würden. Nach zwei Monaten kam der feierliche Abschied. Die Personalchefin bedauerte sehr, dass sie keine Studenten mehr beschäftigen durfte. Sie nahm meine Hand in ihre freundlichen Hände und sagte, dass es wirklich nichts mit mir zu tun hätte, Anweisung „von Oben“, und dass ich ausgezeichnete Arbeit geleistet hätte. Ich war gerührt und wirklich auch ein bisschen stolz. Die darauffolgende Nacht blieb ich auf und archivierte mein komplettes Inventar. Jeden einzelnen Gegenstand nahm ich in die Hand und wies ihm einen Platz zu. So ordentlich ist es bei mir nie wieder gewesen. Am nächsten Tag schrieb ich eine Postkarte als Dankeschön an die Personalchefin. Obwohl ich noch Briefmarken hatte, brachte ich sie zum Postschalter. Wieder stand der voluminöse Post-Mann vor mir. Er erinnerte sich noch an mich und fragte: „Irgendwelche Kinkerlitzchen?“ „Ne, Aufkleber drauf und weg damit“, sagte ich. Er hat fast gelächelt.

Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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