Anne und ihre Jobs: Als ich vier Mal Erstsemestler war

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Klar, Erstsemestler-Sein ist natürlich kein richtiger Job. Es gehört zum Studieren dazu und ist nach einem Semester geschafft. Im Idealfall. Oder es geht von vorne los. Spätestens nach dem zweiten oder dritten Mal fühlt es sich wie ein Nebenjob an. Nach gut zwei Jahren in Berlin bestellte ich souverän Schrippen, Quarkkeulchen oder ’ne Molle und’n Korn. Ich wußte in jeder Stimmungslage wohin und mit wem. Ich schämte mich nicht mehr für meinen im Redeeifer durchschlagenden hessischen Dialekt. Alles war in Butter. Aber als ich zum dritten Mal an der dritten Uni zu den Erstsemestlern zählte und zwischen hundert motivierten Augenpaaren in einem Hörsaal saß, roch das buttrige Wohlfühlaroma langsam ranzig.

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Illustration: Julia Schubert

Das erste Mal, 1997 Kunstgeschichte an der FU. Frisch in Berlin, alles war neu, die Häuser hoch und der Enthusiasmus groß. Bis ein Prof von der Studienkanzel donnerte: „Wer glaubt, wir machen hier irgendwas Praktisches, der kann gleich wieder gehen!“ Ich klopfte applaudierend auf den Tisch und ging. Das zweite Mal, 1998 Architektur an der TU. Ein Arbeitsraum mit 120 Schreibtischen. Nächtelang Entwürfe machen, Gedanken visuell umsetzen. Aber als es an Tragwerk und Statik ging, verlor ich den Mut. Nach einem Jahr empfahl mein Prof, wenn ich Architektin werden wollte, solle ich mit dem Schreiben aufhören. Da hörte ich mit Architektur auf. Das dritte Mal, 1999 An der HU. Was, sag ich nicht. Geblieben ist davon heute nur noch eine spanische Grammatik, in der schöne Beispielsätze stehen, wie: tener siete vidas como los gatos – ein ungemein zähes Leben haben. Im Hörsaal verstand ich, was damit gemeint war. Zwei Jahre lang hatte ich nebenher Mappen gemacht für Kunst-Studiengänge. Immer scheiterte ich, manchmal nur knapp. Ich war ganz gut, aber nicht gut genug. Die Maler sagten, ich solle Design machen, die Designer sagten, ich solle malen – beide wußten mit meinen Texten, die sich überall Bahn brachen, nichts anzufangen. Ratloses Köpfeschütteln. Nichts paßte zusammen, nirgendwo gehörte ich hin. Mit dem Erstsemestlerin-Sein fühlte ich mich unterfordert. Ich hatte ja trainiert. Um mich herum saßen Studenten mit blankpolierten Augen und gezückten Stiften. Ich fror ein bißchen. Wo hatte ich bloß mein Schreibzeug liegenlassen? Ich saß in meiner dritten Erstsemestlerveranstaltung und guckte wie Leute im Flugzeug, wenn die Vorführ-Stewardess die Sicherheitsvorkehrungen erklärt. Keiner schaut dort hin, alle denken: „Sauerstoffmaske, blabla, kenn ich alles. Gibt’s eigentlich noch was umsonst? Dosenschweppes, Sandwiches, Kopfhörer?“ Ich brauchte keine Informationen, wie man ein Studium anfing. Sondern darüber, wie man es durchhielt. Eine Safety-Card mit Notfallmaßnahmen: `Auch wenn Ihnen dieser Studiengang nicht hundertprozentig zusagt, beißen Sie gefälligst die Zähne zusammen und wuppen das!` Wäre ich eine patente Kunsthistorikerin geworden? Hätte ich eine gute Architektin abgegeben? War ich selbst Schuld? Hatte ich zu wenig Ehrgeiz? War das Gefühl des Angekommen-Seins in Bezug auf die Ausbildung zu viel verlangt? Fehlte mir schlicht die Disziplin? Nachts träumte ich von meiner Beerdigung. Auf meinem Grabstein stand in Goldlettern: „Sie war stets bemüht.“ Mir wurde klar, daß der beste Ort nichts nützt, wenn man dort nicht das machen kann, was man möchte. Das Problem war aber, daß ich gar nicht mehr wußte, was ich eigentlich machen wollte. Mein Lieblingswort ist „Zeug“. Flug-zeug, Fahr-zeug, Feuer-zeug, Schwimm-zeug. Zeug geht irgendwie mit allem und umschreibt auch ziemlich genau das, was ich damals gerne machte: Kunstzeug, Textzeug, Bastelzeug. Das erklärte ich am Abend auch Anjas neuem Freund Paul. Sehr zu meinem Mißfallen hatte sie ihn zum Vorzeigen und Begutachten mitgebracht. Dabei hatte ich gerade die Gesellschaftsfähigkeit eines Eichhörnchens, das im Grunewald auf einen Bus Touristen trifft. Paul war Jurastudent. Straight, auf der Überholspur, so ein richtiger Anpacker. Nach meinen Erklärungen sagte er: „Hm, das klingt genau wie das, was ein Freund von mir studiert, in Hildesheim.“ Ich ließ mir die Telefonnummer geben und machte mich an die Recherche. Dann ging alles ganz schnell: bewerben, Mappe einreichen, Aufnahmeprüfung bestehen, Kisten packen, Zimmer suchen, umziehen, Kisten auspacken. Das vierte Mal, 2000 Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis mit Hauptfach Kunst an der Uni Hildesheim. Die Stadt war wesentlich übersichtlicher als die Titel ihrer Studiengänge. Bereits nach einer Woche wußte ich: In Hildesheim wurden Rosenstöcke tausend Jahre alt, nach 23.00 Uhr bekam man nirgends mehr etwas zu essen und mit dem Rad über den Bürgersteig fahren kostete fünf Euro Bußgeld. „Eine Stadt, in der man alt werden kann“, hieß es in einem Lokaltext. Und doch konnte ich mir nichts Besseres vorstellen, als zum vierten Mal an einer Einführungswoche teilzunehmen. Dieses Mal würde ich bleiben. In Hildesheim würde ich, wenn nicht alt, so zumindest älter werden. Paul hat übrigens vor kurzem sein zweites Staatsexamen versemmelt. Aber eigentlich sei er sowieso nie mit dem Herzen bei der Sache gewesen. Jetzt arbeitet er als Fahrradkurier und bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule vor. Ich habe dann doch noch ein Mal innerhalb der Uni Hildesheim meinen Studiengang gewechselt. Und einen Abschluß gemacht. Mein offizieller Titel seitdem: Diplom Kulturwissenschaftlerin im Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Eine ganze Menge Zeug. Vielleicht habe ich ja doch alles richtig gemacht.

Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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