Alex Barck von JAZZANOVA

Unser schlimmster DJ-Auftritt? Da fällt mir ein Gig ein, den wir 2002 vor laufenden Kameras absolvierten.
jonathan-fischer

Unser schlimmster DJ-Auftritt? Da fällt mir ein Gig ein, den wir 2002 vor laufenden Kameras absolvierten. Wir hatten eine Anfrage von einem Musiksender in Montreal, Kanada, ob wir nicht in ihrem Studio auftreten könnten. Ich reagierte erst einmal skeptisch: Schließlich waren wir DJs und keine Bühnenmusiker, Schauspieler oder sonstige Spektakel-Macher. Wenn wir Platten auflegen, gibt es zwar viel zu hören, aber kaum etwas zu sehen. Wie sollte das in einer Fernseh-Show funktionieren? Sollten wir etwa hinter den Plattenspielern akrobatische Kunststücke hinlegen? Zu unserer eigenen Musik tanzen? Unser kanadischer Vertrieb aber drängte uns, unbedingt hinzufahren: „Ihr werdet es nicht bereuen“. Als wir im Fernsehstudio unsere Anlage aufgebaut hatten, nahm ich meinen Kollegen Claas zur Seite: „Ich spiele Platten, und du sprichst in die Kamera...“

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Illustration: Julia Schubert

Eine erst einmal unnötige Vorsichtsmaßnahme. Sobald die roten Lämpchen für die Live-Aufnahme leuchteten, hüpfte eine Aerobic-Truppe herein und exerzierte vor unserem DJ-Pult, als würden wir gerade eine Neuauflage von „Fame“ oder „Saturday Night Fever“ einspielen: Die Tänzer streckten und dehnten ihre lila Leggins, schlenkerten Federboas um den Hals, und stießen rhythmisch mit kaum bekleideten Hüften gegeneinander. Whow, wir waren in einem schwulen Edel-Disco-Club der 70er Jahre gelandet! Unsere erste Platte „The Jungle List“ von Congonatty lief gerade mal eineinhalb Minuten, die Tanztruppe schien sich zu den Beats in heilige Ekstase zu wirbeln und wir begannen langsam Spaß an der Sache zu haben: Da passiert es schon. Jane Fondas Jünger hocken sich versteinert auf den Boden. Die Kameramänner drehen sich ab. Und irgendwoher kommt die Ansage: Werbeblock. Wir schauen uns verunsichert an. Noch nicht einmal einen Break haben wir gespielt, keinen Übergang gemixt, nichts getan als den Tonarm bewegt. Haben wir was falsch gemacht? Oder merkt der Sender erst jetzt seinen Irrtum? „Und bitte!“ Schlagartig nehmen die Tänzer ihre wilden Verrenkungen wieder auf – als hätte jemand die Pausentaste beim Video losgelassen. Mit unserer ach so aufregenden Musik hat das Ganze aber wohl nichts zu tun: Genau eine Minute später wiederholt sich das Ritual. Hinsetzen, gelangweilt schauen, uns als Klangtapete zur Kenntnis nehmen. Bestenfalls. Claas runzelt die Stirn und ich kann seine Gedanken lesen: Wir sind hier nicht als DJs gebucht. Sondern als Pausen-Heinze zwischen zwei Werbeblöcken. Hatten die uns nicht ein Fernseh-Interview angekündigt? Ja, tatsächlich da kommt sie schon auf Claas zugeschossen, die berufsfröhliche Moderatorin: „Ihr seid ja extra für uns den langen Weg aus Berlin hergekommen“ – „Ja und wir freuen uns das erste mal im kanadischen Fernsehen....“ Cut. Werbeblock. Claas restlichen Satz verschluckt das abgeschaltete Mikrophon. Eine Minute Aerobic-Action. Dann wieder Interview, der zweite Teil: „Ihr seid in Deutschland eine Riesen- Nummer, erfolgreich in ganz Europa, jetzt erobert ihr auch Nordamerika“- „Wir hoffen, dass wir unseren Hit „Glow And Glare“ bald auch in den Diskotheken hierzulande...- „Danke für das Interview“. Cut. Werbeblock. Mit dem Versuch eines Lächelns hieve ich „I Confess“ von Bahamadia auf den Teller. Noch mal zwei Minuten den Künstler mimen. Oder die Kommerzhure. „Ihr ward super, Jungs“, brüllt uns der Vertreter des kanadischen Vertriebs am nächsten Tag ins Telefon. „alle reißen sich um eure Platte!“. „We had a great party“, logen wir zurück.

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