Live amputiert

Die besten DJs erzählen von ihren schlimmsten Nächten. Heute: DJ Amir Egozy bekommt die Macht des Chefs zu spüren.
jonathan-fischer

Meinen schlimmsten DJ-Abend? Habe ich vor fünf Jahren in meiner Heimatstadt Tel Aviv erlebt: Ich war mit meinem DJ-Partner in der Tamar’s Lounge gebucht, einem Techno-Club, der ab und zu große Namen aus Übersee einflog. Heute war Suburban Knight aus Detroit angekündigt: ein Typ, von dem es hieß, er könne mit seinen Händen zaubern oder zumindest auf drei Plattenspielern gleichzeitig mixen. Entsprechend war sein DJ-Pult ausgerüstet. Wir sollten im Nebenraum die Gäste mit House, Soul, Funk, Reggae und Elektro unterhalten. Bisher hatten wir nur im kleinen Rahmen aufgelegt. Diese Party aber würde unsere Taufe in der Club-Szene sein: Also schleppten wir unsere gesamte Plattensammlung an: Von Jazzanova über King Tubby bis Charles Wright. Wenn wir die Crowd von Techno-Enthusiasten mit unseren Vintage-Scheiben in Bewegung brächten, wären wir als DJs ein für allemal respektiert. Es lief besser als erhofft: Vor unserem Pult tanzte eine enthusiastische Menge zu Masters At Work’s „Brazilian Beat“. Wir nickten uns glücklich zu: Dieser Abend gehörte uns.

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Illustration: Julia Schubert

Hier läuft's - der rechte ist DJ Amir Egozy Bis der Hauptraum öffnete und der Clubbesitzer hektisch ans Pult gelaufen kam: „Ich hab nur zwei Nadeln“. Keine Frage. Keine Bitte. Sondern eine bloße Feststellung wie: „Zwei plus eins macht drei“. Um gleichzeitig die Nadel aus dem gerade nicht laufenden Plattenspieler herauszunehmen. „Ihr bekommt in einer Sekunde Ersatz“. „Brazilian Beats“ näherte sich Minute für Minute der Auslaufrinne. Und weder vom Manager noch von der neuen Nadel etwas zu sehen. So muss es sich anfühlen in einem Auto ohne Bremse einer Wand entgegenzurasen. Jahre später, als wir unseren eigenen Clubabend eröffneten, sollten wir lernen mit einem Plattenspieler „jamaican style“ aufzulegen. An diesem Abend jedoch wären wir wohl lieber gestorben als irgendwelchen Unfug ins Mikro zu brabbeln. Der letzte Beat läuft aus, verdutzte Gesichter auf der Tanzfläche, und zwei Deejays, die nichts als ein gequältes Lächeln zusammenbringen. Das war’s wohl! Wie Falschgeld schleichen wir unserem Publikum hinterher: In den Hauptraum, wo Suburban Knight mit unserer verdammten Nadel zaubert. Eine halbe Stunde später klopft uns der Clubmanager auf die Schultern: „An die Arbeit! Ihr habt wieder zwei Spieler.“ Ein Ausdruck, den ich wohl zuletzt auf einer Klotür gelesen hatte, drängt sich auf meine Lippen. Und bleibt doch unhörbar. Wir trotten ohne einen Blick zu wechseln zurück: Tel Aviv ist nun mal klein und man verscherzt es sich besser mit niemandem. Stattdessen graben wir vor leerer Tanzfläche noch mal unsere Funk-Maxis aus. Zu spät. Niemand rechnet mehr mit uns. Jetzt schlurfen die Gäste nur noch an unserem Pult vorbei, wenn sie die Toiletten oder den Ausgang suchen. „Hey“, hören wir eine uns unangenehm bekannte Stimme rufen und sind auf das Schlimmste gefasst: „Warum bekommt ihr die Leute bloß nicht zum Tanzen?“ Feuchte Handflächen und ein Würgen in der Kehle: Als ob ein schwarzer, schwerer Feuerball in mir nach einem Ausweg suchte. Aber wie ich schon sagte: Tel Aviv ist eine kleine Stadt...

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