LTJ Bukem beim 3-Uhr-Gig

Die besten DJs erzählen von ihren schlimmsten Nächten
jonathan-fischer

Mein schlimmstes DJ-Erlebnis hatte ich 1992: Drum’n Bass war der Sound der Stunde, meine DJ-Kunst extrem gefragt und ich machte mir einen Sport daraus, jeden Freitag und Samstag Abend in so vielen Clubs wie möglich aufzulegen. Etwa ein Set in London zu spielen, eines in Leeds, um danach noch in Liverpool und Sheffield an den Plattenspielern zu stehen. Praktisch bedeutete das: Mein Chauffeur raste mit mir und meinem Mitstreiter MC Conrad in Höchstgeschwindigkeit über die englischen Autobahnen, während wir hektisch Landkarten und Straßenverzeichnisse studierten.

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Illustration: Julia Schubert

Diesen Abend hatte ich bereits ein eineinhalbstündiges DJ-Set in London hinter mir. Unsere nächste Station war Birmingham. Wir lagen gut in der Zeit und fragten einen Passanten nach dem Weg. Tatsächlich: An dem Club in der Innenstadt prangt der Name, den ich vorhin noch in meinem Vertrag gelesen hatte. Also nichts wie den Plattenkoffer ausgepackt, am Türsteher vorbei und zum DJ-Pult. Oh my gosh! Mein Vorgänger legt House auf. Von Drum’n Bass keine Spur. Aber es soll ja noch Veranstalter mit Mut zum Experiment geben. Freigeister, die ihrem Partypublikum etwas zutrauen. Wird eine harte Prüfung werden. Im Geiste bastel ich am bestmöglichen Übergang: Mit der ersten Scheibe den House-Beat aufnehmen oder lieber einen scharfen Schnitt hinlegen? Ich stehe bereits zwanzig Minuten hinter dem DJ, aber er tut so, als würde er mich nicht bemerken. Keine Begrüßung, kein Hallo, keine Bedienung, die mir etwas zum Trinken anbietet. Ein wenig ungehalten tippe ich dem Kollegen auf die Schulter: "It’s my turn." Er scheint nicht zu verstehen. Hat wohl keine Uhr dabei. „Drei Uhr! Zeit für den Wechsel.“ - „Oh sorry, davon weiß ich nichts, ich bin hier bis fünf gebucht.“ Von der Bar her eilt Verstärkung aufs DJ-Pult. Endlich: Der Promoter des Clubs! „Was machst du denn hier?“ Ob ich den Writer mit der Adresse nicht gelesen hätte? Schließlich würde er unter seinem Namen bisweilen auch andere Party-Örtlichkeiten anmieten. Viertel vor vier. Wir rasen mit dem Wagen ans andere Ende der Stadt. Als ich die richtige DJ-Kanzel erreiche, steht schon mein Nachfolger bereit: Mir blieben noch 20 Minuten. Verdammt, eine Menge Fans waren eigens wegen mir gekommen. Und ich liebe es aufzulegen. Über alles. Andererseits: Wie mit gerade mal vier Tracks eine Stimmung aufbauen? Was für einen Eindruck würde ich da hinterlassen? Als schäbiger Abstauber?. Ich winke ab. Und mache mich mit MC Conrad auf den Weg zum Fünf-Uhr-Gig nach Liverpool. Mit mieser Laune. Und ohne Gage. Foto: goodlooking.org

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