Mies aufgelegt: Aldo Vanucci im "World’s End"

Die besten DJs erzählen von ihren schlimmsten Nächten
jonathan-fischer

Meinen schlimmsten DJ-Abend erlebte ich 1992 in Chelsea: Ich besaß damals noch keinen Namen als DJ – und konnte mir auch kaum vorstellen, irgendwann einmal als Co-Autor der Fatboy Slim-Single „That Old Pair Of Jeans“ oder Produzent für Catskill Records größere Säle zu füllen. Ganz im Gegenteil: Schon der Titel DJ kam mir damals eine Nummer zu groß vor angesichts der Tatsache, dass ich bisher bestenfalls das heimische Schlafzimmer beschallt hatte. Aber ich brauchte Geld. Und was sah schon cooler aus, als es, den Kopfhörer lässig zwischen Ohr und Schulter geklemmt, mit dem Drehen von zwei Plattenspielern zu verdienen? Hoffnungsfroh hatte ich mich bei einer DJ-Agentur beworben: „Mal schauen ob wir was für Dich finden“ – zwei Wochen später bekam ich prompt meinen ersten Job: In einem Club namens „The World’s End“ in Chelsea. Was ich da auflegen solle? Schwarze Musik, so hieß es, und möglichst mehrheitstauglich. Ich war hochnervös. Schließlich hatte ich keinerlei Erfahrung mit dem Spielen vor Publikum.

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Illustration: Julia Schubert

Bei der Ankunft entpuppte sich der Club als Sozialzentrum. Und die Party als Projekt, um auch der unterprivilegierten Jugend einen Discobesuch zu ermöglichen. Was nicht weiter schlimm war. Hauptsache, mir unterliefen keine allzu peinlichen Patzer. Der Club füllte sich mit Halbstarken und ihren Freundinnen. Skin-Typen, Rocker-Typen, Rasta-Typen. Sie alle hatten ihr Pfund an der Kasse abgedrückt und erwarteten dafür von mir „Action“. Ich hatte feuchte Handflächen. Und gab mein Bestes: „Right On Time“ von Black Box, Chaka Khan mit „Ain’t Nobody“, Shabba Ranks „Wicked Ina Bed“.... Wünsche nach ausgefalleneren Soul- oder Reggae-Nummern musste ich zwar höflich verneinen – aber die Tanzfläche füllte sich! Selbst die Bierflaschen-schwenkenden Halbstarken hatten offensichtlich ihren Spaß. Bis von der Bartheke neben mir lautes Geschrei herüberdrang: „Ich bin länger gesessen als Du, Angeber...“ – „Halts Maul, wenn du meine Jugendstrafe dazurechnest war ich mindestens vier Jahre im Bau!“ – „Jugendstrafe zählt nicht....“ Und schon flogen die Fäuste. Die Tanzfläche leerte sich, alles stürmte wie auf Kommando Richtung Bar, mischte sich in das Knäuel kämpfender Ex-Knackis – und plötzlich war ich die überflüssigste Person im ganzen Saal. Nichts wie weg! Hektisch packte ich die Platten zusammen, schob die Technics in ihre Koffer und flüchtete mich in meinen Wagen. Hinter verriegelten Türen beobachtete ich den Ausgang der Massenschlägerei. Später sollte ich erfahren, wie ich zu meinem DJ-Debut gekommen war: „Deinem Vorgänger“, kommentierte der Wachmann, „haben sie die Reifen aufgeschlitzt, weil er keinen Reggae spielen wollte. Seitdem haben wir keinen DJ mehr für diese Location gefunden....“ Am nächsten Tag rief ich meine Agentur an: Ich würde weiterhin alle Jobs annehmen - außer dem „World’s End“.

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