Mies aufgelegt - Bob Sinclar muss seine Platten angeln

Die besten DJs erzählen in dieser Rubrik von ihren schlimmsten Nächten. Diesmal galt es, die nächste Platte erstmal zu fangen, bevor sie auf den Teller konnte.
jonathan-fischer
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Illustration: Julia Schubert

Mein miesestes Erlebnis als DJ? Das muss vor zehn Jahren bei einem Gig in Cap D'agde in Südfrankreich gewesen sein. Ich war in einen Club namens Amnesia gebucht, eine Open-Air-Disco, wo sich Bikini-Mädchen und Strand-Beaus abends zum tanzen treffen – und der DJ in seiner Kanzel direkt am Rande eines großen Springbrunnens thront. Gerade hatte der Kollege vor mir seine Schlussnummer angeworfen, ich bereitete mich gedanklich schon auf den Übergang vor und durchwühlte auf einem Mäuerchen meinen Plattenkoffer – als dieser plötzlich das Gleichgewicht verlor, sich zur Seite neigte und .... Platsch- atsch-atschschsch... ein Wasserfall von Platten sich in das Becken unter mir ergoss. Ich hatte ungefähr hundert Maxi-Singles eingepackt, die nun einen lustigen Papp-und Vinylhaufen im Brunnenwasser bildeten. „Merde! merde!! merde!!! Mir kam das alles unwirklich vor. Ich hätte lachen können und weinen zugleich. Vor allem aber: Es blieb kaum Zeit für Rettungsaktionen. Denn spätestens in drei, vier Minuten war ich dran. „Papierservietten! Alles was ihr habt!“ rief ich einem entgeisterten Barmann entgegen. Ich zog Schuhe und Strümpfe aus und fischte die nächstbeste Platte aus dem Wasser: Zuerst das Stück aus den nassen Pappfetzen schälen - und dann das Vinyl so gut wie möglich am eigenen T-Shirt abtrocknen. Mein übliches Set? Konnte ich vergessen. Stattdessen musste ich mit zitternden Händen auflegen, was ich so erwischte: „I Feel For You“ - einer meiner damals aktuellen TopTen-Hits. „One More Time“ von Daft Punk. Oder Stardusts „Music Sounds Better With You“. Auf der Tanzfläche blieb das Missgeschick weitgehend unbemerkt. Verwunderung bestenfalls, dass der DJ immer wieder barfuss in den Brunnen stieg. Zum Glück watete ich nicht lange allein herum: Mehrere mitfühlende Tänzer zogen mit mir meine Platten heraus, tupften sie mit Servietten ab. Und reichten mir jede wie ein Stück geborgenes Piratengold ans DJ-Pult. Puh! Alles nur Coverschäden! Und drei Kreuze, dass keine Album-Raritäten darunter waren! Am Ende verließ ich den Club mit einem nassen Koffer, hundert nackten Vinylplatten und einem T-Shirt, das nach Brunnenwasser und Angstschweiß roch.

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