Mies aufgelegt: David Rodigan

Die besten Djs erinnern sich an ihre schlimmsten Nächte
jonathan-fischer
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Illustration: Julia Schubert

Foto: www.rodigan.com Der schlimmste Abend meiner DJ-Karriere fand 1980 in London statt. Ich hatte seit achtzehn Monaten eine sehr erfolgreiche Radiosendung bei der BBC laufen – zwei Stunden nichts als Ska, Rocksteady, Reggae, Dancehall und natürlich die neusten Hits aus Jamaika. Jetzt wollten meine Fans mich live sehen. Gut 1000 Besucher drängten in die überfüllte Dancehall in einem schwarzen Club im Londoner Stadtteil Willesden. „Give me a hand for David Rodigan!” Der Veranstalter rief meinen Namen in das Mikro – und sofort brachen enthusiastische Jubelstürme los. Na, dann mal nichts wie auf die Bühne. Auf einen Schlag: Totenstille im ganzen Saal – vor mir ein Meer schwarzer Gesichter, die Augen und Münder in ungläubigem Staunen erstarrt. Mir fiel nichts Besseres ein als, meinen DJ-Koffer in der Hand, zurückzustarren. Die Anspannung im Saal hatte sich lähmend auf meinen Körper gelegt. Ein Zustand zwischen Angst und Trance. Wie beim Lügen ertappt. Klar: Niemand hatte hier einen langhaarigen weißen Ex-Mod erwartet, der sich in die Musik Jamaikas verliebt hatte. Nicht, dass ich in meiner Radiosendung mit karibischem Akzent gesprochen hätte. Aber wie konnte ein Weißer derart intime Kenntnisse der Musikszene besitzen? Nach einer schier endlos erscheinenden Schrecksekunde, legte mir der Veranstalter die Hand auf die Schulter: „Du musst zu ihnen sprechen, egal was...“ – Ich nahm das Mikro und versuchte meine Stimme wiederzufinden: „Hi, mein Name ist David Rodigan, und ich möchte mich für die Einladung in diesen Club bedanken“. Gut, dass niemand sehen konnte, wie nervös ich hinter dem DJ-Pult meine Eröffnungs-Platte aus dem Koffer fischte. Drei Anläufe waren nötig, um mit zitternden Händen die Nadel auf die Anfangsrille zu setzen. Von der Dubplate, einem handgefertigten Unikat, begrüßte meine Stimme die Hörer meiner BBC Radioshow: Immer noch war es mucksmäuschenstill im Saal. Dann nahm ich das Mikro und versuchte ein paar Worte. Aaaaah – it´s really him! Wiedererkennungsgeschrei. Schlagartig brach auf der Tanzfläche die Hölle los. All die angestaute Energie schwappte zu mir zurück. Fellas, mit meinem Hemd hätte ich den Dancefloor nass wischen können!

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