Mies aufgelegt: DJ 3000 und die Stille zwischen zwei Platten

Die besten DJs erzählen von ihren schlimmsten Nächten.
jonathan-fischer

Mein miesestes DJ-Erlebnis hatte ich 2004 beim Detroit Electronic Music Festival. Es war ein wunderbarer lauer Sonntagnachmittag, der Erie-See glitzerte in der Sonne, und soweit das Auge reichte, lagerten die Fans auf dem Festivalgelände an seinem Ufer. Es würde mein wichtigster DJ-Auftritt des Jahres werden. Normalerweise lege ich als Teil des Detroiter Kollektivs Underground Resistance in kleinen Clubs vor ein paar hundert Techno-Fans auf. Heute würde ich 100 000 Menschen auf einen Schlag zum Tanzen bringen. Mein Auftritt war auf 18 Uhr angesetzt - und ich hatte eineinhalb Stunden für mein Set. Ein Mix-Feuerwerk, eine Plattenrutsche, an der ich schon seit Monaten gefeilt hatte. Endlich!

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Illustration: Julia Schubert

Ich hieve die erste Platte auf den Teller: „Electrifyin’ Mojo“. Bewegung geht durch die Menge. Und mein Adrenalinpegel ist auf Anschlag. Jetzt ein Klassiker von Underground Resistance hinterher! Aber - verdammt -.... der zweite Technics läuft nicht an. Ausschalten, anschalten... Immer noch keine Bewegung. Ein Soundloch hängt über dem Festivalgelände. Mir dröhnt die Stille fast schmerzhaft in den Ohren. Blitzschnell setze ich die Platte um. Werfe noch mal Technics Nummer Eins an. Ade Mixfeuerwerk! Ade Plattenrutsche! Wie soll ich mit nur einem Plattenspieler mixen? Mein Set konnte ich vergessen. Stattdessen lege ich Dawn Penns „No No No“ auf. Pause. Afrika Bambaataas „Planet Rock“. Wieder Pause. Bloß nicht in die ungläubigen Gesichter der Fans ganz vorne schauen! Endlich kommt der Soundmann angelaufen: „Tut mir leid, wir haben keinen Ersatz-Plattenspieler auf der Bühne....“ Nein, und auch kein Mikrophon, um die Pausen zu überbrücken. Nicht mal eine Effekte-Box? Nein, nicht mal eine Effekte-Box... Plötzlich bin ich wieder der kleine Junge, der auf der Stereoanlage der Eltern DJ spielt und in den Plattenwechsel-Pausen den tosenden Applaus der Menge entgegennimmt. Kinderphantasie! Die Stille zwischen zwei Platten ist bedrückend. Eine Viertelstunde lang geht das so. Dann lasse ich frustriert den Tonarm fallen – und übergebe an meinen Nachfolge-DJ John Tejada. Der lacht nur. Schiebt den kaputten Technics zur Seite. Und stöpselt seinen Sampler in das Mischpult.

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