Mies aufgelegt: DJ Chuck Hermann

Die besten DJs erzählen von ihren schlimmsten Nächten
jonathan-fischer

Meinen übelsten DJ-Abend erlebte ich 1982 im Münchner „Cadillac“. Ich hatte in dem Laden schon in den 70er Jahren aufgelegt als er noch „Kristallgrotte“ hieß und kannte die Kundschaft ganz gut: vor allem schwarze GIs, ein paar Sinti – sowie einige Vertreter der Münchner Halbwelt. Ihr gemeinsamer Nenner hieß Soul – discotaugliche Hits von Kool & The Gang, Earth Wind & Fire und Chaka Khan neben Klassikern von Sam Cooke, den Drifters und Aretha Franklin. Dank meiner Single-Kiste aus drei Jahrzehnten konnte ich bislang noch fast jeden Wunsch erfüllen.

Dachte ich. Bis ein breitschultriger Typ mit Zuhälterfrisur und Lederjacke ans DJ-Pult trat, mit einem 50 Mark-Schein vor meiner Nase wedelte und sagte: „Du spielst jetzt das Kufstein-Lied“. Bedauerndes Schulterzucken meinerseits: „Das ist hier keine Volksmusik-Party“. Darauf steckt mir mein Gegenüber den Geldschein in die Brusttasche und gibt mir mit Blicken zu verstehen, dass er keinen Widerspruch duldet. Sieht der Typ nicht so ähnlich aus, wie der Pistolen-schwingende Lude vom letzten Mal? Damals war eine nackte Frau mit verstörtem Blick die Kellertreppe hinuntergestürzt, ihr erboster Zuhälter gleich hinter ihr. Ich hatte mich instinktiv unters DJ-Pult geduckt und gewartet bis alles vorbei war. Diesmal würde mir Ducken nichts helfen. „Der Kunde ist König“ denke ich, lege eine für den Notfall vorbereitete Mix-Cassette ein und renne die paar hundert Meter zum „Bierbrunnen“ am Sendlinger Tor. Ein Laden, in dem immer Volksmusik läuft. „Leihst Du mir das Kufstein-Lied?“ Für 25 Mark überlässt der DJ mir die Single. Bleibt noch der unangenehmste Part des Abends: Die Heimatschnulze in der Soul-Disco zu spielen. Ich blende langsam den „Jungle Boogie“ von Kool & The Gang aus, fasele etwas vom „Wunsch eines Gastes“ ins Mikro und lege die Nadel auf die Anfangsrille: „Kennst du die Perle, die Perle Tirols ...“ So muss sich ein Maler fühlen, der von seinem Mäzen gezwungen wird, eine Diddlmaus auf sein Gemälde zu kritzeln. Und es dann öffentlich auszustellen. Was blieb mir übrig: Geschäftig in der Plattenkiste wühlen – und alles um mich ignorieren: Die leergespielte Tanzfläche, die GIs, die mir einen Vogel zeigen, die Soulfans, die empört zur Kanzel stürmen. Nach drei schmalzigen Minuten war die Qual vorbei: Nile Rodgers Funkgitarre verdrängte den letzten Akkord des Kufstein-Lieds. Mir war kein Haar gekrümmt, ich hatte 25 Mark extra in der Tasche und einen neuen Freund: Den „Bierbrunnen“-DJ. Protokoll: