Mies aufgelegt: DJ Chynaman über Bleiwesten und zwei tote Türsteher

In dieser Rubrik berichten die besten DJs von ihren schlimmsten Nächten. Diesmal berichtet DJ Chynaman vom schrecklichen Ende einer Party.
jonathan-fischer

Das schlimmste Erlebnis meiner DJ-Laufbahn? Das ereignete sich 2006 in meiner Heimatstadt Durban, Südafrika. Ich hatte mich gerade mit viel Ehrgeiz und Konzentration aus dem Township in die besseren Discos der Innenstadt hochgearbeitet, mein ganzes Geld für Vinyl ausgegeben und nächtelang an den Decks der renommierten House Djs gekiebitzt, um mir ihre speziellen Tricks abzuschauen. Jahrelang hatte ich in den Shebeens genannten Township-Bars aufgelegt - bis ein Kumpel mich für seinen neu gegründeten Club in Durban engagierte, den er nach mir „Chyna White“ taufte.

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Illustration: Julia Schubert

2006 begann als Glücksjahr: Die Skyybar, das beste Party-Etablissement Durbans wollte mich übernehmen. Es war einer der ersten Samstage in meiner neuen DJ-Residenz: Draußen standen die Partygänger in Schlangen an, zumeist schwarze Jugendliche, aber auch immer mehr Inder und Weiße, die der speziellen Durban House-Variante verfallen waren: Internationale Beats mit Zulu-Chants. Es war schon früh am morgen, ich hatte alle am Tanzen, bei jedem Chant reckten sich Hunderte von Arme in die Höhe. Wenn Südafrika eine friedliche Regenbogen-Nation ist, dann in den Nachtclubs. Wer hier her kommt, der will feiern, die Sorgen vergessen, tanzen statt kämpfen. Ich schwamm im Hochgefühl. Geschafft! Bis ein Geräusch durch den Club peitscht, das eindeutig nicht von meiner Platte stammt: Boom, boom. Booom! Jeder hier kennt das. Pistolenschüsse. Die Menschen stürzen in Panik zu den Ausgängen. Ich ducke mich unters Pult. Wenig später heulen die Sirenen. Am Eingang liegen unsere zwei Türsteher. Niedergeschossen. Zwei Gäste, die sie kurz zuvor wegen aggressiven Verhaltens raus geworfen hatten, waren offensichtlich bewaffnet zurückgekommen. Mir wird flau. Zwei verschwendete Leben mehr. Und unser Club ruiniert: Wer würde noch hierher zurückkommen? Vier Tage später: Zwei neue Wachmänner mit Bleiwesten öffnen mir die Tür. Die erste Party seit dem Doppelmord. Und trotzdem: Vor dem Eingang die selben Schlangen wie immer. Es ist mein traurigster DJ-Abend. Weil ich die Bilder der toten Türsteher nicht aus dem Kopf bekomme. Und doch bin ich stolz auf Durbans Partygänger. Was könnten wir Besseres tun, als weiter zu tanzen?

Text: jonathan-fischer - Foto: oh

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