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Mies aufgelegt: DJ Disaster

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Irgendwann hatte ich genug von dem Gequatsche: Deejay dies, Deejay das. „Gestern habe ich die Crowd gerockt....“. „Unglaublicher Mix...“. „Volle Abfahrt, Alter“. In der Plattenfirma, bei der ich arbeite, fühlten sich fast alle männlichen Kollegen – vom Praktikanten bis zum Manager – zu einer Zweitkarriere als Herr über zwei Plattenspieler und einen Pulk Tänzer berufen. Der Namenszusatz DJ bürgte da für Coolness – und verlieh dem eigenen Tun unglaubliche Wichtigkeit. „Ihr habt doch alle keine Ahnung“, fuhr ich einmal entnervt dazwischen, „schon mal was von DJ Disaster gehört? In London bin ich eine Legende“. Da ich tatsächlich aus England komme, wagte niemand zu widersprechen. Und der DJ-Name war schnell erklärt: Entweder spiele ich supergut oder grottenschlecht. Tatsächlich kam kurz danach mein erstes Booking. Eine Werberparty. Ich hatte noch nie aufgelegt. Wusste nicht, wie man einen Plattenspieler pitcht. Geschweige denn ein Mischpult bedient. Jetzt hieß es, stark bleiben: Ich packte einen Stapel Promo-CDs aus meinem Arbeitsschrank zusammen – Kid Alex, TokTok, Bootsy Collins – und hatte für den stirnrunzelnden Veranstalter auch eine gute Ausrede parat: „Mein Koffer mit den Vinyls ist auf dem Flug von New York verloren gegangen ...“ Dann ließ ich mir vom Barmann – „in England funktioniert das alles ganz anders“ – ausführlich die Anlage mit den vielen Reglern und Knöpfen erklären. Es dauerte zwanzig Minuten. Und ich war DJ. Diesmal ganz praktisch: DJ Disaster. Die Tanzfläche betreffend lief es katastrophal. Niemand honorierte, dass ich The Strokes auf Mr. President mischte. Dennoch schauten die Werber respektvoll zu mir auf: Es musste wohl Kunst sein. Als ich den 70er-Jahre-Schlagersampler in meiner Promo-Tasche entdeckte, erklärte ich den arty Teil des Abends für beendet. Stattdessen: Boney M, Kim Wilde, die Village People. Es funktionierte blendend. Morgen würde ich mal die „Crowd gerockt“- Sprüche ablassen. Tatsächlich wurde ich vom Fleck weg für die nächste Party gebucht. Nur die coolen Jungs aus der Arbeit waren sauer: Weil ich ihnen die Jobs klauen würde.... DJ Disaster heißt eigentlich Tania, ist 30 Jahre alt, unterhält in Hamburg eine Sprachschule für Kinder, eine Casting-Agentur und arbeitet als Sportredakteurin.

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