Mies aufgelegt: DJ Lexy & K-Paul in der Mafiadisco

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Mein schlimmster DJ-Abend? Muss 2004 in Cali, Kolumbien, gewesen sein: Kaum war ich mit meinem Partner Lexy angekommen, machte uns die Begrüßung durch den Clubbesitzer klar, dass wir nicht in einem fröhlichen Ferienlager für Rave-Touristen auflegen würden: „Meine Freunde hier werden Euch begleiten“. Er deutete auf zwei finster dreinblickende Schnurrbartträger mit umgehängter Maschinenpistole, von denen wir nicht recht wussten, ob wir mehr Angst ohne sie oder mit ihnen haben mussten. Die Disco selbst: Ein Vergnügungstempel mitten im Slum, ausgerüstet mit luxuriösem Interieur, der neuesten DJ-Technik und einem Schiebedach. Klar, wir befanden uns in einer Hochburg der kolumbianischen Drogenmafia, und man brauchte nicht all zuviel Phantasie, um den Ursprung des Geldes zu erraten, mit dem hier wöchentlich die Creme der europäischen Technoszene eingeflogen wurde.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

An der Gage jedenfalls gab es nichts zu meckern. Dafür waren wir auch gewillt, ungewöhnliche Arbeitsbedingungen zu akzeptieren: „Fangt hier besser mit niemandem Streit an“, hatte uns unser kolumbianischer Manager gewarnt. „Und vor allem: „Keine Flirts mit Frauen“. Ein Bekannter von ihm habe sich nicht an letztere Regel gehalten – und sei anschließend vor der Discotür vom Drogendealer-Freund seiner neuen Bekanntschaft niedergestreckt worden. „Von 22 Kugeln durchsiebt“. Pfffft…nein, wir würden nichts riskieren. Die Klappe halten, auflegen, und mit dem Geld von dannen ziehen. So dachten wir. Und fingen dann doch irgendwann an uns richtig wohl zu fühlen: Der Club füllte sich mit reizend aussehenden Damen und ihren in der neuesten HipHop-Mode gockelnden Begleitern – und auch wenn wohl kaum einem „Lexy & K-Paul“ oder die Berliner Techno-Szene etwas sagte: Wir hatten leichtes Spiel, machten die Feierabendgesellschaft Calis zu willigen Komplizen unserer Beats, füllten die Tanzfläche mit Hits von Felix The Housecat, Madkat Courtship und Zombie Nation. Es knisterte. Eine Euphorie, die sich aus Sex, Kokain und möglicher Gewalt speiste. Mein Partner Lexy – er hatte schon was in der Krone – überfiel der plötzliche Drang, sich mit dem Clubbesitzer zu verbrüdern. „Hey you!“ rief er und knuffte den Kolumbianer in die Rippen. Schlagartig kühlte die Raumtemperatur um zehn Grad runter. Alle Gespräche verstummten. Die Entourage des Discopaten nahm unnatürlich steife Körperhaltungen an. Nur Lexy schien das nicht zu bemerken. „Come on my friend!“, mein Kumpel legte eine Umarmung nach, sein Gegenüber lächelte gequält, und man konnte fast das erleichterte Aufatmen in seiner Umgebung hören. Doch Lexy kam nun erst in Fahrt: Immer wieder riss er zwischen zwei Platten das Mikro auf. „I’m coming from the streets of Berlin!“ Unser kolumbianischer Manager hatte schon tellergroße Augen. „Not so good“, stammelte er. Wir sollten den Auftritt baldmöglichst beenden. Lexy aber hatte blendende Laune - und konnte sich angesichts der teuer blitzenden, aus Miami importierten CD-Spieler nicht mehr beherrschen. Musste hier und jetzt sein Glaubensbekenntnis loswerden: „Save the vinyl“ brüllte er ins Mikro. Und schüttete dabei begeistert sein Bierglas über die Werkzeuge des Digitalteufels aus. „Not so good! Not so good!“ Im Taxi zum Hotel lachten wir darüber. „Von wegen 22 Kugeln, Alter, ist doch alles safe hier“. Am nächsten Morgen: Ein Abgesandter des Discopaten erscheint im Hotel. Wir sollen dringend noch mal mit zum Club. In einem Wagen, in dem ein vierschrötiger Typ mit Sonnenbrille so schaut, als ob er gewohnheitsmäßig Abstecher zum inoffiziellen Friedhof machen würde. Not so good. Zumal der Abgesandte erklärt hatte, der Boss sei wegen den kaputten CD-Spielern sauer – und sich weigert, mit uns ins selbe Auto zu steigen. Wir denken an die 22 Kugeln. Und fangen trotz tropischer Temperaturen an, zu frieren. Vielleicht sollten wir einfach auf die Gage verzichten: „Hey, Señor, können Sie uns nicht direkt zum Flughafen fahren?“ Keine Antwort. Keine Regung. Die ganze Fahrt lang. So müssen sich Mike Tysons Gegner in der ersten Sekunde der ersten Runde gefühlt haben. Als wir dann doch noch wortlos unseren Geldumschlag in die Hand gedrückt bekommen, sind wir um einen Vorsatz reicher: Okay, wir werden weiterhin für die Rettung des Vinyls kämpfen. Überall auf der Welt. Außer in einer Drogendisco in Cali.

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