Mies aufgelegt: DJ Samir (II) und der Apres-Schock

Die besten DJs erzählen von ihren schlimmsten Nächten. Heute: DJ Samir über das unbequeme Ende einer langen Nacht und ein folgenschweres Frühstück.
jonathan-fischer

Eine meiner übelsten DJ-Nächte habe ich vor vier Jahren in einem noblen Alpenhotel in Tirol verbracht. Es war Sylvester und ich war für die Apres-Ski-Disco gebucht. Der Abend ließ sich erst mal gut an: Im hauseigenen Restaurant wurde ein sechsgängiges Menu gereicht, der Champagner floss in Strömen und ich erwartete bei der ausgelassenen Stimmung kein Problem dabei, die bereits mit allerlei Schnäpsen und Likören abgefüllte Klientel nach Mitternacht auf die Tanzfläche zu locken.

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Illustration: Julia Schubert

In Feinschmecker-Laune hatte ich meinen Plattenkoffer mit Soul-Finessen angefüllt: Jimmy Ruffins „Tell Me What You Want“, Prince Philipp Mitchells „Star In The Ghetto“ oder „I Miss You“ von den Dells. Ein bisschen arg anspruchsvoll. Aber egal: blau und an Sylvester funktioniert irgendwann sowieso alles. In der rustikalen Tanzstube jedenfalls tobte das noble Apres-Ski-Volk mit den Porsche-Sonnenbrillen und Armani-Jeans bald hemmungslos über die Planken. Nach guten acht Stunden hinter den Plattentellern, der Morgenhimmel leuchtete bereits über den Schneebergen draußen, humpelten die letzten Besoffenen auf ihre Zimmer. Endlich. Mein Kopf dröhnte. Ich hielt mich gerade noch auf den Beinen und wollte nur noch eines: Ins wohlverdiente weiche Bett fallen. „Wir haben da ein Problem“, druckste die Chefin, als ich nach dem Zimmerschlüssel verlangte. „Alle Betten sind ausgebucht. Aber wir machen ihnen ein schönes Lager“. Benommen trottete ich ihr nach – in den hauseigenen Fitnessraum. Auf dem Lattenrost der Sauna waren ein paar Decken drapiert. „Machen Sie es sich doch gemütlich!“ Bitte? Sollte ich meinen Gastgebern die Gage und das sechsgängige Menu durch ein gespartes Bett wieder einspielen? Zu müde um zu kämpfen, ließ ich mich schließlich auf die Holzbank sinken. Jetzt einfach alles vergessen. Und schlafen. Wenn das nur gegangen wäre! Alle Viertelstunde schaltete sich der Getränkeautomat neben der Sauna ein - mit lautem Klappern und Rasseln. Ein paar Stunden später schlurfte ich in die Lobby. „Willkommen zum Frühstück“, begrüßte mich die Chefin. Und während ich verkatert und übermüdet an meiner Marmeladensemmel sägte, beugt sich die depressive Hotelchefin mit den hennaroten Haaren vertrauensvoll zu mir hinüber. „Haben Sie schon mal ihr Herz-Chakra gespürt?“ Ich pulte schweigend an meinem Frühstücksei. Es nützte nichts. Sie war in ihrem Element. Schwärmte von der göttlichen Aura. Berichtete von Engelserscheinungen. „Wir sollten uns öfter unterhalten“, seufzte sie schließlich. „Ich werde einfach immer mit Ihnen frühstücken“. Der Kaffee schwappte mir aus der Tasse direkt ins Nabel-Chakra während mir der Vertrag wieder einfiel: Hier war ich für die nächsten acht Wochenenden engagiert…

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