Mies aufgelegt: DJ Schmocko und der DJ-Kollege

In dieser Rubrik erzählen die besten DJs von ihren schlimmsten Nächten. Diesmal verbiegt sich DJ Schmocko für sein Publikum und erntet Undank.
jonathan-fischer
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Illustration: Julia Schubert

Mein miesester Abend als DJ? Das muss wohl letzten Oktober im Münchner Substanz gewesen sein. Wie immer zur Wiesn-Zeit hagelten die Besucher nach ein paar Maß in den Festzelten auf der nahen Theresienwiese herein. Ich war für alle Eventualitäten gerüstet: Schließlich beruht Tanzen ab einem gewissen Grundpegel an Bier erfahrungsgemäß nur noch auf Reflexen. Achtung vor den Raritäten des DJs, seiner intelligenten Auswahl oder dem ästhetischen Mix? Kann man zur Wiesn-Saison fast vergessen. Wie gesagt fast. Denn ich hatte doch den Ehrgeiz, ein wenig über den Wiedererkennungseffekt gängiger Charthits und Evergreens hinauszugehen, ab und zu eine Northern Soul Nummer, einen Jump Blues oder einen Oldschool HipHop in das Amy Winehouse/Seven Nation Army/ACDC-Gebräu zu mischen. Das lief auch ganz gut – so lange ich Regler und Regie fest in der Hand hielt. Auf der Tanzfläche herrschte Ausgelassenheit, als ein sehr junges, sehr hübsches Mädchen an das DJ-Pult trat. „Hast Du nicht Mister Bright Side von den Killers?“ Nein, tut mir leid. Zwei Minuten später kommt ihre Freundin an - mit der selben Bitte. Ich erkläre nochmal, dass diese Nummer sich nicht im Plattenkoffer befindet, ja, gebe zu, sie nicht mal zu kennen. Ob das als Erklärung reicht? Kaum ist sie gegangen kommt ein weiteres Mädchen aus der Teenager-Gruppe mit reizendem Lächeln und unschuldigem Augenaufschlag zum Pult getrippelt. „Ach bitte bitte, sei doch ein Schatz…“ Ich versuche es mit Diplomatie: Ob sie mir ihr Handy geben könne? Dann würde ich es am Mischpult einstöpseln. Aber weder sie noch ihre Freundinnen haben die Nummer auf ihren iPhones . Das war es dann wohl mit „Mister Bright Side“. Bis ein DJ, den ich von seinen Britpop-Abenden im Atomic Cafe kenne, ans Pult tritt. Ein Mann mit Anspruch - zumindest in seinen eigenen Sets. „Du weißt schon wer ich bin?“ baut er sich vor mir auf. „Natürlich“. - „Dann spiel doch mal“ und er legt alle Autorität des DJ-Veteranen in seine Stimme, „Mister Bright Side!“. Haben ihn die hübschen Dinger bezirzt? Oder ist mir doch ein heimlicher Hit entgangen? Entnervt weise ich den Türsteher an, bitte ins Büro zu gehen und den Song aus dem Netz downzuloaden und auf CD zu brennen. Zehn Minuten später ist er zurück. Ich lege die Scheibe ein. Drücke auf Play. Und bereue es sofort. „Scheißdreck, Dödelmist, Nullnummer,“ fluche ich vor mich hin, während sich die Tanzfläche rapide leert. Überall verstörte Gesichter zu mir blicken. Erste Pfiffe gellen. Und die hübschen Teenager? „Die sind schon vor zwei Songs gegangen …“ steckt mir der Britpop-Spezialist. Jugendliches Fantum in Ehren. Aber dass man einen DJ-Kollegen für einen Augenaufschlag der Killer-Mädels dermaßen gegen die Wand fahren lässt: Das ist Verrat – und „du weißt schon wer ich bin“ ab sofort eine mir unbekannte Person.

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