Mies aufgelegt: DJ Whitebread bei der Weihnachtsfeier

Die besten DJs erzählen von ihren schlimmsten Nächten
christoph-koch

Mein blödestes DJ-Erlebnis fand Ende letzten Jahres statt. Ich war für die Weihnachtsfeier einer Werbeagentur gebucht, die im Berliner Club Weekend stattfinden sollte. Eigentlich habe ich ja keinen Bock Dance-Hit-Scheiße zu spielen, wie sie auf solchen Veranstaltungen gewünscht ist. Meistens lege ich zusammen mit einem Kumpel unter dem Namen „Whitebread und Meatpipe“ Old-School-Hiphop auf, zum Beipsiel im Rio oder im Magnet Mitte. Aber weil die Weihnachtsfeier im Weekend war, und ich damit noch einen weiteren guten Berliner Club auf die Liste bekommen konnte, sagte ich zu. Außerdem war die Bezahlung auch recht gut.

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Illustration: Julia Schubert

Wie mit der Mitarbeiterin, die mich gebucht hatte, verabredet, kam ich also gegen 22 Uhr mit den Plattenkoffern an und wollte auch gleich loslegen. Das ging aber nicht, denn ich musste mir zunächst über ein Stunde verschiedene Performances und Kunststückchen der Mitarbeitergruppen und Abteilungen anschauen, die damit die Weihnachtsfeier aufpeppen wollten. Oder wahrscheinlicher und fast noch schlimmer: Sie wollten den Vorgesetzten ihre Kreativität beweisen. Am schlimmsten bzw. schönsten war eine Aerobic-Performance zu den Klängen von Eric Prydz’ „Call On Me“, dem damaligen House-Hit mit den Aerobic-Tänzerinnen im Video. Gegen halb zwölf durfte ich dann anfangen, und ich schaffte es auch gleich mit dem ersten Lied, die Menge zum Tanzen zu bringen. Ich hatte Sheila E. aufgelegt – ein Kompromiss zwischen Mainstream-Smasher und kredibler Qualität, den man machen kann, finde ich. Wenn es so weitergeht, kann ich mich nicht beklagen, dachte ich zufrieden. Doch noch während des ersten Tracks kam der erste Geschäftsführer der Agentur und meinte, er hätte jetzt den total passenden Knaller. Mit der Ankündigung, den wolle er als nächstes spielen, klappte er sein iBook auf und klickte sich durch seine iTunes-Playlist. Mit einem von „It’s Raining Men“ gequälten Lächeln ließ ich ihn gewähren, da ich dachte, er würde sicherlich bald wieder verschwinden. Doch nachdem er drei bis vier Hits rausgehauen hatte (neben den Weather Girls auch Robbie Williams), war nicht etwa Schluss. Nein, jetzt kam der zweite Geschäftsführer und meinte er wolle auch mal ran. Gesagt getan. So ging es den ganzen Abend. Mein Song-Count blieb bei „1“ stehen und die beiden Geschäftsführer wechselten sich hinter ihren Notebooks ab. Ich fragte mich, ob ein Lied im Weekend zählen würde als dort „aufgelegt“ zu haben und dachte ansonsten an das leicht verdiente Geld. Während ich wie ein Adjutant hinter dem DJ-Pult stand, ließ ich mich von der Sekretärin des ersten Geschäftsführers mit Buletten vom „Flying Buffet“ füttern. Die waren echt lecker. Und die Sekretärin auch am nächsten Morgen noch ganz nett. Vielleicht war es also doch kein so schlimmer Abend. DJ Whitebread heißt eigentlich Lars und geht in Berlin einem seriösen Beruf in der Marketingbranche nach. Protokoll:

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