Mies aufgelegt: Florian Keller

Die besten DJs erinnern sich an ihre schlimmsten Nächte
jonathan-fischer
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Illustration: Julia Schubert

Mein peinlichstes Erlebnis als DJ hatte ich 2005 im Münchner Atomic Cafe: Den DJ-Koffer hatte ich auf Nummer Sicher gepackt: Mit Old-School-HipHop-Maxis von De La Soul, 60er Jahre Funkfegern wie Barbara Lynns „I’m A Good Woman“ und alten Reggae-Singles von Joe Gibbs. Songs, die immer und überall funktionieren, egal ob in München, London, Beirut oder Helsinki. So glaubte ich zumindest. Bis zu diesem Samstag: Schon nach fünf Minuten kam der erste entnervte Gast ans DJ-Pult: Spiel doch mal Mr. President! – Sorry, ich hab nur Schallplatten! – Waaaas, du hast keine CDs? – Drei Singles später hatte sich eine unzufriedene Menschentraube um die Plattenspieler versammelt: Kannst Du wenigstens etwas von Jennifer Lopez auflegen? Und Bushido? Bitte, bitte, Scooter, nur einmal... Natürlich, es hatte gewisse Warnzeichen gegeben: Dienstantritt um drei Uhr nachmittags, weil es laut Clubbetreiber eine „Kinderparty“ geben würde. Warum nicht? Würden die Kinder nicht schon glücklich sein, am selben Ort zur selben Musik tanzen zu dürfen wie die Erwachsenen? Das Atomic Café war mit mannshohen, aufblasbaren Lollis dekoriert – eine Süßigkeitenfirma hatte in einem Comic-Heft ein Preisausschreiben lanciert: Gewinnt einen Tag in der Disco. Und ich sollte nun die sieben- bis zwölfjährigen Gewinner bei Laune halten. One Nation Under A Groove? Doofes Erwachsenenquatsche: Die Kinder hatten mich eiskalt erwischt: Wie kannst Du überhaupt DJ sein, fragten sie. Du hast nichts aus den Charts, kennst nicht mal den Nummer-Eins-Hit im Lande! Womöglich war ich gerade dabei, das Ansehen meines ganzen Berufsstandes zu ruinieren. Verständnislose Gesichter auf beiden Seiten des DJ-Pults - und die unumstößliche Einsicht: Heute würde mich selbst James Brown nicht retten. Reicht eine siebenminütige Maxi-Single für einen Sprint bis zum nächsten Müller-Markt? Mit der Doppel-CD „Bravo Hits Folge 51“ kam ich gerade rechtzeitig zurück, bevor eine Saalschlacht mit den aufblasbaren Lollis losbrach. Kaum hatte ich den ersten Song von Sarah Connor hochgefahren, war die Szenerie wie ausgewechselt: Mein junges Publikum beherrschte nahezu perfekt die Armschlenker und Hüftbewegungen seiner Viva- und MTV-Helden. Jetzt war das Auflegen ein Kinderspiel: Linke CD, rechte CD und wieder zurück. Spice Girls, Bushido, Der verrückte Frosch … – die Tänzer brauchten keine Nachhilfe, und als Mami und Papi zum Abholen kamen, winkten einige gar in meine Richtung.

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