Mies aufgelegt: Hans Nieswandt

Die besten DJs erinnern sich an ihre schlimmsten Nächte
jonathan-fischer
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Illustration: Julia Schubert

Meinen peinlichsten DJ-Auftritt hatte ich erst vor ein paar Wochen auf der Modemesse in Barcelona: Eine leicht bekleidete Frau, die aussah wie die spanische Ausgabe von Dolly Buster, beugte sich über die Plattenspieler. Nein, sie habe keinen Musikwunsch, aber – ob sie vielleicht neben mir tanzen dürfe . . . Warum nicht? Als DJ freut man sich über jeden Tänzer. Allerdings war Dolly Buster nicht allein gekommen: Sie hatte ein Filmteam im Schlepptau, und der Kameramann hielt dicht auf ihr bauchfreies Stretchtop und die lasziven Bewegungen ihres in einer hautengen Schlangenlederhose rotierenden Beckens, während sie sich langsam zu den Klängen von Candidos „Thousand Finger Man“ die paar Stufen zum DJ-Pult hochräkelte. Oben angekommen, war noch lange nicht Schluss: Sie tanzte an mich ran, stieß mich rhythmisch mit ihrem Hinterteil, während ich versuchte, die Kontrolle über die Plattenspieler zu behalten. Das Kamerateam gab Zeichen: Mitmachen! Unbeholfen deutete ich einen Hüftschwung an, warf versuchsweise die Hände in die Luft – und schämte mich sofort. Ich bin DJ, keine Striptease-Stange! Konnte diese Softporno-Nummer mit Beteiligung einer Plattenkiste, zweier Technics und einem zum Statisten degradierten House-Experten denn kein Ende finden? Offensichtlich hatte ich die falschen Signale gegeben. Denn nun legte Dolly Buster erst richtig los: Sie setzte sich den Kopfhörer auf, ließ ihre Implantate über den Plattenspielern wippen, während ihre Hände Luft-Scratching spielten. Dümmlich lächelnd stand ich daneben und schob Panik: Diese Bilder von Dolly und mir durften daheim niemals auf Sendung gehen. Erleichterung erst, als der Kameramann sich umdreht: Das Sender-Logo auf seinem T-Shirt war eindeutig spanisch. Foto: hansnieswandt.de

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