Mies aufgelegt. Heute: DJ Aaron LaCrate und das durchgeknallte Mitbringsel

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Mein miesester Abend auf der DJ-Kanzel muss auf meiner Europatournee 2005 gewesen sein. Ich hatte mich jahrelang in meiner Heimatstadt Baltimore hochgearbeitet, bereits als 12-jähriger neben lokalen Helden wie DJ Equalizer und DJ Class aufgelegt und bewundert wie sie örtlich produzierte Platten in den Nachtclubs ganz groß herausbrachten. Jetzt war ich drauf und dran, in ihre Fußstapfen zu treten, hatte mir mit meiner Mix-CD „B-more Gutter Music“ einen Namen gemacht.

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Illustration: Julia Schubert

Die Agentur, die mich damit nach Europa schickte, wollte, dass ich nicht nur einfach deejaye, sondern einen Teil dieser Platte live aufführe. Dazu musste ich – fatalerweise, wie sich später herausstellte - die Vokalistin einiger Stücke mitnehmen. Ich kannte diese selbsternannte weiße Rapperin kaum. In Baltimore hatte sie immer das überdrehte Partygirl mit einem Hang zur Selbstdarstellung gegeben. Das kam gut für eine Show – und möglicherweise sind junge Mädchen wie sie auch der Grund, warum manche Männer so gerne auf unsere Parties kommen. Aber würde ich eine ganze Tournee lang mit der hysterischen Drogendose durchhalten? Schon die erste Nacht in London war ein Omen: Ich spielte mich mit meinem bewährten Mix warm, ließ Debonaire Famirs „Famirs Theme“ in DJ Equalizers „Sounds of Silence“ übergehen, die Tänzer kamen gerade in Fahrt, als sie zum Mikrophon griff. Sich mit Gogo-Posen in Szene setzte. Und immer wieder krakeelte: „I am so hot, I am so fine...“ Das war nicht abgemacht. Aber gut, wenn sie die gaffenden Gäste auf diese Weise wieder zum Tanzen brächte... Sie aber hatte offensichtlich andere Pläne, tanzte mit dem Rücken zum Publikum, gestikulierte immer übertriebener in meine Richtung. Aerobic auf Acid. Ich war gekommen, um für den Baltimore Sound zu missionieren. Und was machte sie aus mir? Den Soundlieferanten für ihre Freakshow. Kann einem DJ etwas Schlimmeres passieren? Mir fiel die Geschichte des englischen Kollegen ein, der nach einem Gig in Belgrad als Gage wählen durfte: Eine Handgranate oder eine Tüte Koks. Ich hatte beides in einer Person bekommen. Schließlich nahm der Veranstalter die Bühne: „Dear party people, I am proud to present....“ Er kam nicht weit, als die eifersüchtige Vortänzerin ihm das Mikro wieder entriss, ihm ihren Drink ins Gesicht schüttete und mit dem Glas ein Mädchen in der ersten Reihe traf. Ich glaubte in einem Horrorfilm gelandet zu sein. Und zwar der Stelle, wo die böse kleine Voodoo-Puppe zum Leben erwacht und anfängt wahllos Passanten umzunieten. Die nächsten Abende schaltete ich ihr Mikro jeweils nach zehn Minuten aus. Und briefte die Türsteher im Voraus: „Bitte auf mein Handzeichen hin in die Garderobe tragen und dort einsperren“.

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