Mies aufgelegt. Heute: Michael Simon lässt sich kaufen

In dieser Rubrik berichten die besten DJs von ihren schlimmsten Nächten. Diesmal lief es eigentlich ganz gut - mal abgesehen vom moralischen Kater.
jonathan-fischer
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Illustration: Julia Schubert

Mein seltsamstes Erlebnis hinter dem DJ-Pult? Das muss vor fünf Jahren im Golden Cut in Hamburg gewesen sein, einem Club, in dem ich einmal die Woche House auflege. Der Abend war eigentlich schon gelaufen, die Barmänner räumten den allnächtlichen Verhau, bestehend aus halbgetrunkenen Gläsern, Strohhalmen und zerknüllten Flyers vom Tresen, und ich sortierte die Platten in den Koffer zurück, als einer der letzten verbliebenen Gäste zielstrebig zu meiner Kanzel schritt. „Spielst du ‚Just A Touch’ von Keith Sweat?“ raunte der korpulente, südländisch wirkende Typ im Anzug. Es klang nicht wie eine Frage. Eher wie eine Feststellung. „Tschuldigung, ist Feierabend“. Er tat so, als hätte er mich überhört. „’Just A Touch’ von Keith Sweat!“- „Ich kann’s nicht spielen, ich hab’s nicht dabei“. Wie nervig, wenn Leute am House-Abend partout HipHop, Rock oder in diesem Fall New Jack Swing hören müssen! Warum kommen sie nicht an einem der dafür vorgesehenen Tage? Doch mein Spruch schien den Dicken kaum zu beeindrucken. Er hatte den Robert DeNiro – Blick: einem Mafiaboss schlägt man nichts aus. Zwei Frauen und eine Flasche Champagner warteten an der Bar auf ihn. Und er würde auch den DJ noch in seine Vorstellung einbauen. Hatte mir nicht neulich ein Freund von der Faust im Gesicht erzählt, nachdem er einen HipHop-Musikwunsch ablehnte? Doch dieser Pate war eleganter: Er zählte ganz langsam zehn Hundert-Euro-Scheine auf den Plattenspieler: „Kannst du behalten – wenn der Song gelaufen ist“. Puh! Ich habe immer große Stücke auf meine Unbestechlichkeit als DJ gegeben. Aber bei dieser Summe? Da sollte ich mich vielleicht doch bücken und unter dem Pult wühlen. Mein Kollege, der am Tag zuvor New Jack Swing auflegte, hatte doch meist seine Kiste stehen lassen. Tatsächlich, da war sie. Unversperrt. Wie ein Einbrecher nahm ich den Deckel vom fremden Plattensafe, fing mit feuchten Fingern an zu blättern: „Keith Sweat!“ Ich fuhr den Regler noch mal hoch: Der Disco-Mafiosi zog seine zwei Begleiterinnen auf die Tanzfläche. Steppte im bargeldgepolsterten Anzug. Drei Minuten dreißig lang. Dann schob ich die zehn Scheine in die Hosentasche. Schmiergeld! Wahrscheinlich aus üblen Geschäften! Und: Sicherer Beweis meiner Käuflichkeit! Nur gut, dass keiner meiner Kumpels mehr zugegen war.

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