Mies aufgelegt. Heute mit DJ Hell ins Plattengrab

Die besten DJs erzählen in dieser Kolumne von ihren schlimmsten Nächten. Eigentlich. Denn heute erlebt DJ Hell die Hölle schon vor dem Auflegen.
jonathan-fischer

Mein schlimmstes Erlebnis als DJ? Das muss 1994 gewesen, ich hatte gerade einen Job als A&R-Mann bei Logic Records in Frankfurt angenommen, als ich einen Anruf aus München bekam. Mein Vermieter war am Telefon: Ich solle sofort kommen. Es habe in meiner Wohnung gebrannt. Dann sprach er noch irgendetwas von Feuerwehr und Schaumteppich, aber ich konnte kaum noch zuhören. Alles drehte sich. Ich spürte wie mir das Blut aus dem Kopf wich. Und das nicht wegen der Wohnung an sich. Einen neuen Schlafplatz würde ich schon finden. Um die Klamotten war es auch nicht schade. Aber ich hatte die letzten Jahre, soweit ich mir es leisten konnte, jedes Wochenende in London verbracht. War auf die Jagd gegangen – und hatte die Bodenfläche, die andere Menschen mit Teppichen, Tischen und Stühlen zustellen, zum Aufbewahren meiner Jagdtrophäen genutzt: Schallplatten.

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Illustration: Julia Schubert

Vinylausgaben längst vergriffener Alben. Bootlegs, Erstausgaben, seltene House-Maxis, 20 Jahre alte Soulraritäten im Originalcover. Hier lagerte jede Mark, die ich verdient hatte, alle Kostbarkeiten, um die mich DJ-Kollegen beneideten. Vier bange Stunden auf der Autobahn versuchte ich mir nicht vorzustellen, was mich erwarten würde. Ob ich ab sofort DJ ohne Arbeitsgerät war. Ein Geist, der nur noch von seiner Vergangenheit zehren konnte. Da bot auch die eine Plattenkiste mit meinem aktuellen Set im Kofferraum des Toyota Celica kaum Trost. „Wahrscheinlich ein Kurzschluss“, empfing mich der Vermieter. Als ich die schwarzen Schwelspuren an der Wand sah, wollte ich gleich kehrt machen. Wer betritt schon gerne ein Leichenschauhaus? Die langen Reihen meiner Liebsten von einem Schaumteppich bedeckt – als ich versuchte, ein einzelnes Album herauszuziehen, hielt ich ein Stück verschmierte, verkohlte Pappe in der Hand. Das Vinyl verschmolzen. Von der Hitze verbogen. Und was das Feuer nicht schaffte, das hatte die Feuerwehr erledigt: Im Schaumteppich waren schwarze Scheiben, Albumcover, und all die wunderschönen Hüllen – von Curtis Mayfields „Live“ Doppel-LP bis zu den Originalen von Undisputed Truth – zu einem indifferenten Klumpen verpappt. Genug gesehen! Ich musste diesen Anblick aus dem Kopf bekommen. Die Hölle vergessen. Als mitfühlende Geste organisierten meine DJ-Freunde einen Benefiz-Abend im Münchner Babalu: „Hell is burning“. Herzergreifende Kondolenzen, aufmunternde Worte, kleine Vinylgeschenke. Aber den Blues konnten sie mir nicht nehmen. Er stach jedes Mal: Sobald ich in eine fremde Plattenkiste schaute und DJ-Kollegen ihre Schätze vergleichen hörte. Oder im Babalu eine dieser Rare-Groove-Nummern ertönte: „Hattest du die nicht auch mal“?

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