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Mies aufgelegt. Heute mit Martin Solveig und der Sitzblockade

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Es kann demütigend sein, als No-Name an den Plattendecks keines Blickes gewürdigt zu werden. Noch mehr kränkt, wenn das Publikum den sorgfältig eingefädelten Mix nur als störendes Hintergrundgeräusch für das eigene Small-Talk-Geschreie wahrnimmt. Was aber gibt es Schlimmeres als – nur mit ein paar Beats bewaffnet - einer feindlich gesinnten Partymeute gegenüber zu stehen? Das siedende Gefühl, der falsche Mann am falschen Ort zu sein: Meine Magengrube erinnert sich auch noch zehn Jahre später daran – es war ein ähnlich prägender Moment, wie der Morgen, als Mutti ihren Kleinen das erste mal alleine in der Kindergarten-Kampfarena zurück ließ. Ein Booker hatte mich angerufen, ob ich kurzfristig einen Gig in Saragossa, Spanien, spielen könnte: Direktflug von Paris, First-Class-Hotel, gute Gage. Ich war geschmeichelt. Einen guten DJ kann man eben nicht auf Dauer übersehen. In Paris hatte ich in House-Kreisen schon einen Namen, aber jetzt zog er internationale Kreise. Endlich. Sicher waren die Spanier von meinem neuen Afrobeat-Einschlag und Nummern wie „African Heart“ angefixt. Als ich mit dem Taxi durch Saragossa fahre, bin ich erstmal verwirrt. Überall in der Stadt Plakate: Der richtige Club, das richtige Datum – nur mein Name steht nicht drauf. Nicht mal kleingeschrieben. Dafür in Riesenlettern: ROGER SANCHEZ „Roger ist leider krank geworden“, empfängt mich der Booker. „Aber du wirst die Tanzfläche sicher genauso gut rocken!“ Aha, so lief der Hase. Ich sollte als Reserve-Christus einspringen, weil der wahre Heiland verhindert ist. Wie er das den Fans vermitteln wollte? Er hätte eine kleine Ansprache vorbereitet. Sanchez leider, leider, aber wir sind froh, Martin Solveig, großartiger House-DJ aus Paris bla bla bla... Ich verstehe als Nicht-Spanier zwar nur ein paar Brocken, dennoch registriere ich, dass der Mann nur Pfiffe erntet. Kaum habe ich die ersten Beats meines aktuellen Hits „Edony“ angespielt, ist die Tanzfläche schon voll: Mit sitzenden Partygästen. Da hocken sie wie bei der Bestreikung eines Ausbeuter-Unternehmens, oder der Blockade eines nuklearen Endlagers: Und ich bin der Agent des Bösen. Der Mann, dem sie ihre ganze Enttäuschung entgegen brüllen: Roger Sanchez, Roger Sanchez, ROGER SANCHEZ! steigern sich die frenetischen Sprechchöre. Puh, sie wollen mich nicht! Soll ich einfach abhauen? Zu ihnen reden? Einen Witz riskieren? Ich nehme das Mikro und skandiere mit: „You are sans chaises“ - Ihr seid ohne Stühle, ein Wortspiel, das so ähnlich klingt wie Roger Sanchez. Dummerweise versteht hier niemand Französisch. Verständnislose Blicke. Ich rede dennoch weiter. Und weiter. Und weiter. So geht es fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde lang. Waren sie hier zu einem Französisch-Kurs gekommen? Oder zum Tanzen? Vielleicht hatten die Sitzenden irgendwann auch Mitleid mit diesem DJ, seinem gequälten Blick und seinem komischen nasalen Gestammel. Ein paar der Frauen jedenfalls stehen auf. Fangen an, den Beat aufzunehmen. Der Roger Sanchez – Chor wird sofort leiser. Erstirbt wie eine unsanft gemixte Clubnummer... Die Anhänger der feindlichen Armee kapitulieren notgedrungen. Ich aber nahm danach eine neue Klausel in meinen DJ-Vertrag auf: Plakatierung des Club-Abends mit meinem Namen. Und sollte ich mal unvermittelt krank werden – dann würde sich mein Ersatz schon etwas einfallen lassen. Was reimt sich nochmal auf „Martin Solveig, Martin Solveig...“?

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