Mies aufgelegt. Heute: Roger Shah auf Odyssee mit Plattenkoffer

In dieser Kolumne erzählen die besten DJs von ihren schlimmsten Nächten. Diesmal ist es die Anfahrt zur Party, die gründlich daneben geht.
jonathan-fischer

Mein schlimmstes DJ-Erlebnis? Auf der Kanzel selbst hatte ich noch nie eine richtige Panne, aber die Anfahrt zu einem Gig in El Salvador wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Es war vor zwei Jahren, als ich einen Anruf von einem Club in San Salvador bekam: Man würde gerne ein Trance-Techno Event veranstalten. Ob ich bereit wäre aus Deutschland anzureisen? Ohne lange Umschweife sagte ich zu. Zwar verfügte ich weder über Management noch Tourbegleitung – aber eine Einladung als Stargast nach Mittelamerika? Jederzeit. Allein schon des Güte-Attributs „international“ vor dem DJ-Titel wegen.

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Illustration: Julia Schubert

Der erste Flug ging von Frankfurt nach Miami – wo mich die Immigration Officers einer Sonderbefragung unterzogen. Wie konnte man mit dem verdächtigen Namen Shah einen deutschen Pass führen? Tarnten sich islamische Terroristen neuerdings als DJs? Um Taliban-Propaganda in Plattenkoffern einzuschleusen? Nach zwei Stunden absurder Fragespiele in einem stickigen Kabuff ohne Klimaanlage wurde ich entlassen. Jetzt bloß nicht den Anschlussflug verpassen. Aber ich hatte die Rechnung ohne den Zoll gemacht: Der stellte mir die gleichen Fragen noch mal. Nein, mein Vater war auch Deutscher. Ich kannte keine Islamisten. Wollte wirklich nur Musik machen. Mein Flieger war endgültig weg – und ich gezwungen, die Nacht im Airporthotel einzuchecken. Die Direktflüge nach Salvador, hieß es am nächsten Morgen, seien leider voll. Aber mit einem Umweg über Honduras... Von mir aus, nur weg von Einreise und Zoll. Einige Stunden später auf dem Flughafen von San Salvador: 35 Grad Hitze bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit vernebelten mir den Kopf, niemand war da um mich abzuholen, kein Bargeld in der Tasche und zu allem Überfluss hatte nicht mal das Handy Empfang. Ich stand ratlos am Ausgang. Liegengelassen wie Falschgeld. Sollte ich die Polizei um Hilfe bitten? Am Ende würden sie das selbe Programm fahren wie die Kollegen in Miami. Also schulterte ich meinen Plattenkoffer, atmete tief die schwüle Hitze ein und schleppte mich in Richtung der nächsten Siedlung. Zwei Kilometer und eine schweißgetränkte Garnitur Klamotten später, stand ich in eine Bar mit Telefon: Perdon, perdon, stammelte der Veranstalter, er würde jemanden nach mir schicken. Rápido. Sofort. So übersetzte ich seine Ansage zumindest. Eine gute Stunde später erschien der vermeintliche Chauffeur. Ohne Auto. Eine Panne. Er würde mir ein Taxi bestellen. Als ich endlich ins Hotelbett sank, war ich 44 Stunden unterwegs gewesen.

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