Mies aufgelegt. Heute: Warum Westbam kein Vinyl mehr mitnimmt

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2009 habe ich es endgültig aufgegeben Vinyl zu spielen. Meinen Nerven zuliebe. Den Nerven meines Publikums zuliebe. Und um nicht noch mal in die Gefahr zu geraten, einige meiner gerillten, schwarzen und zwölf Inch breiten Maxis einem Tontechniker über den Schädel ziehen zu müssen. Nach dem folgenden Erlebnis jedenfalls war ich mir sicher: Der Fortschritt wirkt in allen Bereichen der Technik – nur um die DJ-Kanzeln hat er einen weiten Bogen gemacht. Zwar sind Plattenspieler nun bestimmt seit einem halben Jahrhundert als Arbeitsgeräte für Discjockeys im Einsatz, es schmücken zwei 1210er jedes bessere Café in Rio wie in Tokio. Sie gehören zum modernen Leben wie Faustkeile zur Steinzeit. Doch weiß noch jemand wie man einen Faustkeil, pardon, einen Plattenspieler ordnungsgemäß bedient? Beziehungsweise wie man die Geräte Störungs- und Rückkopplungsfrei verkabelt?

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Im Sommer letzten Jahres schleppte ich also das letzte Mal meinen schweren Plattenkoffer. Man hatte mich für einen Rave nach Moskau eingeflogen – und ich war offensichtlich der einzige im Pulk der aus aller Welt angekarrten DJs, der den Ehrgeiz hatte mehr als nur ein paar digitale Dateien mitzubringen. Eigentlich seltsam, Vinyl hatte meinem Beruf doch eine sehr handgreifliche Würde verliehen. Von seiner Aura lebte eine ganze Kultur: Vom Scratchakrobaten bis zum Deckshark. Warum also sich dessen selbst berauben? Ich hatte in meinen Vertrag geschrieben: Zwei 1210er, ein dazugehöriger Techniker und zur Sicherheit noch ein persönlicher Soundcheck. Konnte ich mich darauf verlassen? Meine diesbezüglichen Mails beantworteten die Veranstalter umgehend: Keine Sorge, wir sind erfahren, wir haben das im Griff. Okay. Auch als der Soundcheck eines Interviews zuliebe ausfiel, blieb ich zuversichtlich. Hauptsache, ich konnte bald meinen Vor-DJ ablösen: einen Japaner namens Yoshi, dessen mit sentimentalen Geigen aufgemotzter Gabber zwar zehntausend russische Raver zum Hüpfen brachte – mich aber beinahe auf dem Absatz umkehren ließ. Musikalisch das nackte Grausen. Die leibhaftige Zombie Nation. Und mir blieb nur eine Mission: Diesen billigen Plastik-Spuk mit einem fetten Stück Vinyl austreiben. Als ich die Bühne betrat sah ich einen Tontechniker hektisch die 1210er verkabeln. Ich zog eine Maxi aus dem Koffer, setzte die Nadel auf die Einlaufrille. Der erste Beat. Passte. Start. Also den Regler hochziehen und: chrrrrrrrrrr. Der Tonarm kickte in die Auslaufrille. Zwanzigtausend Augenpaare schauten mich verständnislos an. Noch ein Versuch: Chrrrrrrrrrrr… Der Tontechniker war spurlos verschwunden. Was tun? Sollte ich jetzt etwa meine Mit-DJs um CDs anhauen?Da könnte ja auch jemand kurz vor einem Auftritt zu den Rolling Stones kommen und sagen: Gitarren gehen heute leider nicht – könnt Ihr Euer Zeug stattdessen auf Keyboards spielen? Chrrrrrrr. Genauso lang dauerte mein letzter Vinyl-Gig. Nein, Decksharks und Plattenkiebitze sind wohl demnächst zum Aussterben verurteilt. Es gibt nichts mehr zu gucken, sobald die CD im Spieler ist. Und doch lasse ich mir immer noch vertraglich zwei Plattenspieler zusichern. Nicht nur weil mir ihr Anblick ein Stück Heimat bedeutet. Sondern auch um die Tontechniker zu quälen…

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