Mies aufgelegt: Jay Scarlett

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Mein peinlichstes Erlebnis als DJ hatte ich vor drei Jahren in Montenegro. Das British Arts Council hatte mich und meinen Londoner Kollegen Maxi Jazz auf eine Tournee durch das ehemalige Jugoslawien geschickt. Eine politische Goodwill-Geste der britischen Regierung, und ein Beitrag zur Feier der nach zehnjährigem Bürgerkrieg neu errungenen Selbständigkeit des ehemals serbisch verwalteten Montenegro. Wir waren als Stars einer großen Strandparty angekündigt. Maxi Jazz hatte als Produzent und Sänger von Faithless einige internationale Hits wie „Insomnia“, „Reverence“, „One Step Too Far“ - und ich sollte ihn als DJ flankieren. Ein Chauffeur holte uns in Belgrad ab. Danach durften wir auf einer Pressekonferenz typische Journalisten-Fragen beantworten: Wie wir uns in Montenegro mit seiner jüngsten Geschichte fühlten? Welche Wirkung wir uns von unserem Auftritt auf die Menschen hier erhofften?

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Foto: Alesha Ich erzählte von Musik, die Grenzen überwindet, faselte etwas von „One Nation Under a Groove“ und war froh, als wir endlich Richtung Party entlassen wurden. Das DJ-Pult befand sich direkt vor der Brandungslinie, wir hatten das Meer im Rücken und 5000 jugendliche Partygänger vor uns. Ein lokaler DJ eröffnete, dann brachte Maxi Jazz die Menge mit seinem Techno-Funk-Set zum Ausrasten. Die Menschen ließen sich hemmungslos gehen, tanzten, johlten. Der erste bekannte Pop-Act seit langem in Montenegro! Sogar Politiker und die gesamte örtliche Prominenz hatten sich vor der Bühne eingefunden. Ich war als Nächster dran. Jetzt bloß die Stimmung halten! „Sprich zu den Menschen“, rief Maxi Jazz im Abgehen und reichte mir das Mikro. Mir fielen spontan dieselben Worte ein wie letzte Nacht in Belgrad: „Welcome Serbia!“ Alles verstummte schlagartig, eine unheimliche Stille legte sich über die Menge. Zum ersten Mal konnte ich laut und deutlich das Meeresrauschen hinter mir hören. Ich nahm es als Höflichkeitsgeste. So bezeugt man hier einem Künstler Respekt! Und ließ die erste Platte anlaufen. Wenig später krabbelte ein junger Mann auf allen Vieren unter dem DJ-Pult in meine Richtung. Er wollte offensichtlich vom Publikum nicht gesehen werden. Dann zog er mich am Hosenbein: „Say Montenegro!“, zischte er. Oh verdammt! Ich hatte als britischer Kulturbotschafter auf den nationalen Gefühlen herumgetrampelt! Jetzt retten, was zu retten ist: „Welcome Montenegro!“ Ich brüllte es extralaut. Augenblicklich war der Bann gebrochen. Pfiffe, Jubel, begeisterte Chöre. Ein neuer Bürgerkrieg war fürs Erste abgewendet. Und ich heilfroh, die Pressekonferenz des British Arts Council schon hinter mir zu haben . . . Protokoll:

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