Mies aufgelegt: King Britt im Hip Hop-Schuppen

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Meine schlimmste DJ-Nacht erlebte ich vor 15 Jahren an einem College in Virginia: Zu der Zeit spielte ich House und Techno, vor allem den Rave-Stoff, der damals in Mode kam. Entsprechend war mein DJ-Koffer gepackt. Umso größer die Überraschung bei der Ankunft im Club: Unter meinem Namen prangten groß die Buchstaben HIP HOP. Ich stöhnte innerlich auf. Wie kam der Booker denn auf diese Idee? War es ihm zu mühsam gewesen, meine Playlist zu checken? Oder hatte er ganz einfach nicht mitbekommen, dass ich seit meinen Anfängen als Digable Planets-DJ längst nicht mehr im HipHop-Fahrwasser schwamm?

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Heute kannst du jederzeit Musik online einkaufen, und als DJ noch in letzter Minute im Internet nachrüsten. Aber wir schrieben das Jahr 1991. Und ich musste mich allein auf die Vinylscheiben in meinem Koffer verlassen: Er enthielt gerade mal drei, vier Hip Hop-Maxis: Eric B & Rakim - „Eric B For President“, „The Bridge“ von MC Shan und noch irgendwas von Boogie Down Productions. Wenn ich diese Songs nicht in einer Endlosschleife wiederholen wollte, führte kein Weg am Sprung ins kalte Wasser vorbei: Ich musste House auflegen - vor einem Haufen Hip Hop-Fans. Mit derselben Erfolgsaussicht kann man ein Country-Set im Hardrock-Club spielen. Oder Soul auf einem Ku Klux Klan-Picknick. Am besten reagierten noch die Mädchen. Okay, sie hatten Eintritt für einen Hip Hop-Club gezahlt. Aber warum sollten sie nun nicht auch zu House-Beats tanzen? Hauptsache, die Musik war sexy. Die Jungs dagegen nahmen es nicht so locker: „Schieb dir diesen §?*#* Mist zurück in deinen Koffer...“ oder „Da vorne ist der Ausgang“. Ich kannte die Straßen-Codes: Jetzt, bloß keine Nervosität zeigen. Zumindest nach außen den Coolen markieren – und alles wie eine durchgeplante Show wirken lassen. Dann sind die Chancen am Größten, durchzukommen. Eine Stunde lang stellte ich mich taub, verschanzte mich so gut wie möglich unter meinen Kopfhörern. Dann endlich die Rettung: Der Clubbesitzer hatte telefonisch einen lokalen Aushilfs-DJ herbeizitiert. Jetzt kam er mit einer Kiste Hip Hop-Maxis an die Plattenspieler gestolpert. Ich legte die letzte Bizarre Inc-Scheibe auf. Genoß noch einmal eine Runde Beschimpfungen der Jungs in den übergroßen Jerseys und Baggy Pants. Und verabschiedete mich vom DJ-Pult – so früh war ich an noch keinem Arbeitsabend in meinem Hotelbett gelandet.

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