Mies aufgelegt: Lars Dorsch und Joggen mit verschiedenen Schuhen

Die besten DJs erzählen von ihren schlimmsten Nächten.
jonathan-fischer

Mein schlimmster Abend hinter zwei Plattenspielern? Muss erst dieses Jahr im Januar gewesen sein. Mein Freund und international vielgebuchter DJ-Partner Markus Worgull fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm in Aachen aufzulegen. Wir hätten wohl schon die Anfahrt als Vorzeichen nehmen können. Keine Wegbeschreibung, der Veranstalter telefonisch nicht zu erreichen, als wir schließlich ankommen, die Nachricht, die Küche sei schon geschlossen, wir müssten unseren Hunger eben mit Bier wegspülen. Und das Park Inn? Ein Euphemismus für das schlauchförmige Untergeschoß einer Studentensaufkneipe, ein abgerockter, ranziger Keller, in den wir mit unseren Plattenkoffern hinuntergelotst werden. Nun kennt man ja als DJ viele Formen mehr oder minder alltäglicher Katastrophen: Vom defekten Arbeitsgerät über das feindselige Mitpersonal bis zum ignoranten Publikum. Das besondere an unserem Gig aber war die Massierung aller uns bekannten Variablen des DJ-Blues zur selben Zeit am selben Ort: Das fing mit dem stumpfen Technosound in voller Lautstärke an, der uns aus dem Lokal entgegenbrüllte. Als die rechtmäßig gebuchten DJs hatten wir natürlich einen eigenen musikalischen Fahrplan: Zum Aufbauen erst die etwas langsameren, ruhigen Nummern, später dann eine konsequente Steigerung von Intensität und Tempo durch alle Stile hindurch – von Disco-Klassikern über Deep House bis hin zu technoideren Stücken. So dachten wir.

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Illustration: Julia Schubert

Die drei schreienden Ausdruckstänzerinnen auf der Tanzfläche aber wollten sich ihre Hysterie nicht durch dramaturgische Feinheiten verderben lassen. „Ich hab ja nichts gegen eure Musik, aber meine Freundinnen finden das total scheiße…“ Nun, vielleicht erst mal mit dem Personal verbünden, um Land in dem Laden zu gewinnen. Doch die Begrüßung des Barkeepers – wir arbeiteten an verschiedenen Abschnitten der selben Theke - versetzt mir den nächsten Tiefschlag: „Hallo, ich heiße Lars und bin heute abend der DJ“ – „ Okay, jetzt mach aber, dass du wieder zurück kommst, ist nämlich mein Bereich“. Dass der Typ in der Folge unsere Bierbestellung stundenlang ignoriert – es wunderte uns kaum noch. Blieb nur die konsequente Arbeit an den Plattentellern. Wenn die bloß funktioniert hätten. Der Mixer war mangels Stauraum irgendwo an der Seite eingeklemmt, ein Technics-Plattenspieler defekt und der No-Name-Ersatz, den der entnervte Veranstalter – „gestern war doch noch alles heil“ – heranschleppte, kein ideales Arbeitsgerät für unseren Mix. An zwei verschiedenen Plattenspielern auflegen ist eben doch wie Joggen mit zwei verschiedenen Schuhen. Egal. Trotz der Bedrohung unseres Vinyls durch auslaufende Bierlachen, versuchten wir unser erprobtes Programm durchzuziehen: Tullio de Piscopos „Stop Bajon“, Los Hermanos mit „Quetzal“ oder der Frankie Knuckles Remix von Hercules & Love Affairs „Blind“. Tatsächlich füllte sich der Schlauch langsam. Nur die Kasse blieb merkwürdigerweise unbesetzt. Wie würden die bloß unsere DJ-Gage ausbezahlen? „Schau mal da kann doch jeder die Kasse klauen“. Doch der Veranstalter überhort alle unsere Hinweise, vielleicht ist ihm das Personal abgehauen, vielleicht will er gar nichts einnehmen – bis wir schließlich einen Bekannten auf der Tanzfläche zum Eintritt kassieren überreden. Puh. Es kann endlich losgehen. Jetzt am DJ-Pult Gasgeben. Unsere Glanznummern auflegen. Und den Laden mitsamt seinem unfreundlichen Personal und den hysterischen Techno-Mädels auf unsere Seite ziehen. Als ich vorher noch mal kurz zur Toilette will, versinkt meine aufkeimende Euphorie knöcheltief im Urin. Der Versuch, auf die Damentoilette auszuweichen schlägt fehl: „Verpiss dich, hier kommst du nicht rein“, faucht mich eine dick geschminkte Vampfrau an. Außerdem sei das Klo hier auch verstopft. Kann ich was dafür? Doch selbst der Veranstalter scheint geheime Zusammenhänge zwischen unserer Musik und dem aus dem Ruder laufenden Abend zu sehen. Hängt fluchend bis zum Ellbogen in der WC-Schüssel. Und rollt bei meinem Anblick nur mit den Augen. Am Ende der Urin- und Bierdunst-geschwängerten Nacht, versuche ich den zum Klempner degradierten Geschäftsführer zu finden. Wir wollen heim, warten nur noch auf die Gage, und schauen bereits seit einer Stunde den Aufräumtrupps bei der Arbeit zu. Vergeblich. Er ist verschwunden. Das letzte was man von ihm gesehen habe, erklärt die Putzfrau, sei eine Kopf-Ab-Geste mit kotverschmierten Küchenhandschuhen.

Text: jonathan-fischer - Foto: Lutz Voigtländer

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