Mies aufgelegt: Oliver von Felbert

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Meinen schlimmsten DJ-Abend erlebte ich 1996 in Freiburg: Drum&Bass galt damals noch als Underground und ich gehörte zu den ersten DJs, die sich in Deutschland der neuen Musik verschrieben. Ein autonomes Kulturzentrum hatte mich in den Keller einer ehemaligen Kaserne gebucht. Schon beim Anlagen-Check das erste Problem: Der Laden wurde basisdemokratisch verwaltet, was offensichtlich nicht zum Hausfrieden beitrug - jedenfalls hatte eine mit der Party-Fraktion verstrittene Splittergruppe entschieden, der Disco diesen Abend den Strom abzudrehen. Ich bereitete mich bereits auf die Heimfahrt nach Köln vor, da hatte die Party-Fraktion es doch geschafft: Die Technics drehten sich wieder, das Mischpult leuchtete und aus den Boxen bollerten die Junglebeats.

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Illustration: Julia Schubert

Ich war es gewohnt, vor typischem Großstadt-Nachtleben-Publikum aufzulegen, doch das hier war eine andere Nummer: abgerissene Jeans-und-Turnschuh-Träger, Indie-Hiphop-Kids und jede Menge Typen, die aussahen als kämen sie gerade aus dem schwarzen Block. Der Abend versprach ein großes Missverständnis der Sorte „Hauptsache-subversive-Dröhnung- und-kein-Mainstream-Scheiß“ zu werden. Ich legte knochenharte Bretter auf. Von Ed Rush bis Roni Size. Ging allseits irgendwie okay weil „Underground“. So richtig funken wollte es dennoch nicht. Endlich vier Uhr morgens. Tempo runterfahren. Und zum Abschluss ein paar jazzige Nummern auf den Plattenteller. Doch ich hatte die Rechnung ohne den harten Kern der Tänzer gemacht. Ein Dutzend schwarzgekleidete Gestalten fegten mit ihren Hunden über den Kellerboden. Wälzten sich. Hüpften von unsichtbaren Federn getrieben im Kreis. Und verspürten partout keine Lust auf einen Adrenalin-Abfall. Kaum drosselte ich die Geschwindigkeit ein wenig kam eine Schäferhund-Patrouille ans DJ-Pult und forderte: Jungle auf die zwölf! Sie wollten mich nicht weglassen – ganz basisdemokratisch. Und ich hatte keine Ahnung, was passieren würde, wenn ich Mensch und Tier in diesem Zustand gegen mich aufbringen würde. Also gab ich Zugabe um Zugabe. Und hoffte heimlich auf Ermüdungserscheinungen auf der Tanzfläche. Falsch gedacht! Je später es wurde, umso aufgedrehter der Pulk. Wenn ich nichts unternahm, würde ich irgendwann auf allen Vieren kriechen und mit den Hunden aus einem Napf fressen. Schließlich raffte ich mich zu einer lahmen Protesterklärung auf: ich könne nicht mehr, weil total übermüdet und überhaupt, die Uhrzeit.... „Kein Problem“, entgegnete der tätowierte Schäferhundführer und hielt mir eine Plastiktüte unter die Nase: „Greif zu“. Ich zuckte zurück: ein Haufen bunter Pillen. „Danke, ist nicht mein Ding“. Ich hatte – allen Mythen von koksenden, Amphetamin- und Ecstasy-gedopten DJs zum Trotz – bestenfalls einmal ein Bier hinterm Mischpult gekippt. „Was, du willst nichts?“ Bedauerndes Kopfschütteln. Vollkommenes Unverständnis auf der Tanzfläche. Würden sie mir als nächstes ihre Hunde auf die DJ-Kanzel schicken? Meine Platten als Frisbees umfunktionieren? Nein – der schwarze Block hatte endlich Mitleid mit mir. Ein DJ, der keine Drogen mag? Arme Sau. Dem kann es nicht gut gehen. Lassen wir ihn heimgehen. Ganz basisdemokratisch... Protokoll:

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