Mies aufgelegt: Purple Rain rettet DJ Kenny Larkin

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Meinen schlimmsten DJ-Abend habe ich 1995 in Belgien erlebt. Ich war mit meinen Keyboards und Samplern Star-Gast einer Techno-Nacht in Brüssel, der Club war gesteckt voll und wer nicht mehr reinkam, konnte auch im Auto oder von zu Hause aus mithören: Ein Radiosender strahlte mein DJ-Set live in ganz Belgien aus. Ideale Arbeitsbedingungen: Das Publikum tobte bereits, als ich die Kanzel betrat, es roch nach Adrenalin, Schweiß und Sex, und die Tanzfläche ähnelte einem riesigen Wirbel von zuckenden Händen, Schultern, Köpfen. Und: Die Euphorie steigerte sich mit jedem Song. Eine knappe Stunde lang schlitterte ich von Höhepunkt zu Höhepunkt.

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Illustration: Julia Schubert

Dann, in der Mitte des Sets: Filmriss. Komplettausfall. Als ob jemand den Stecker gezogen hätte. Entgeistert guckten die Gäste zum DJ-Pult hoch. Das war bestimmt nur einer dieser Tricks, eine künstliche Pause, um Spannung aufzubauen – und anschließend umso vehementer mit der Bass-Drum einzusetzen. Fünf, zehn Sekunden lang hing die Party in der Schwebe, vereinzelte Rufe und Pfiffe gellten durch die ohrenbetäubende Stille, aber immer noch dominierte die Hoffnung: Auf einen plötzlich einsetzenden Beat. Auf die Fortsetzung des gehirneigenen Drogenausstoßes. Das Verbleiben in der Euphorie-Blase. Nur ich werkelte mit schweißnassen Fingern an den Geräteschaltern herum, Aus-Ein-Aus-Ein. Nichts rührte sich. Und wir waren live im Radio. Ich musste etwas unternehmen. Irgendwie den Abend retten, die Leute ablenken und nicht nur wie ein schulterzuckender Versager von der Kanzel steigen. Wozu hatte ich jahrelang als Stand-Up-Comedian gearbeitet? Ohne, dass ich wusste warum, fing ich an laut zu singen. Und zwar das erste, was mir einfiel: „Purple Rain“. Kaum hatte ich die ersten Worte des Prince-Songs ins Mikro gehaucht, fielen die Gäste in den vorderen Reihen mit ein. Beim Refrain war der ganze Saal dabei: „Purple Rain, Purple Rain, I only want to see you in the Purple Rain...." Ob wir da noch auf Sendung waren, habe ich allerdings nie erfahren. Foto: Elite Music Management

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