Mies aufgelegt: Robert Owens gibt den Wecker

Die besten DJs erzählen von ihren schlimmsten Nächten. In dieser Folge versucht Robert Owens sein großes Idol vor dem Schlimmsten zu bewahren
jonathan-fischer
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Illustration: Julia Schubert

Mein schlimmstes DJ-Erlebnis hatte ich Mitte der 80er Jahre im Paradise Garage in New York. Ein Club, der zu Recht als Legende gilt: Während ich mit Kollegen wie Frankie Knuckles im Warehouse in Chicago einen sehr rauen minimalistischen House-Stil popularisierte, hatte Larry Levan schon ein Jahrzehnt zuvor den Extended Mix aus der Taufe gehoben und im Paradise Garage als Producer, Remixer und DJ in einer Person die Grundlagen aller zukünftigen Dancefloor-Kultur gelegt. Ich war an diesem Abend allerdings nicht als Discjockey gebucht. Sondern sollte live auf der Bühne singen: Das Who Is Who der Disco-Szene war gekommen. Loleatta Holloway, Grace Jones, Sylvester…. Nachdem ich meine Chicago-Househits wie “Mysteries Of Love” zum Besten gegeben hatte, stieg ich zu Larry Levan auf die DJ-Kanzel. Er war mein großes Vorbild. Und ich wollte ihm auf die Finger gucken, beobachten, wie er mixte, und die tausendköpfige Menge gleichzeitig zum Höhepunkt brachte. Niemand konnte einen besseren Soundteppich knüpfen als er: MFSBs „Love Is The Message“, Sister Sledges „We Are Family“, CeCe Rogers „Someday“ und Blazes „We Must All Live Together“ – am Ende würden alle euphorisch die Hände in die Höhe werfen. Aber irgendwas stimmte heute nicht. Larry stierte schon seit Minuten ins Nichts. Dann hörte ich ein unangenehm bekanntes Geräusch: „Pfffrrrt, pfffrrrt, pfffrrrt...“Die Nadel hing in der Auslaufrille – und Larry machte keine Anstalten, etwas Neues aufzulegen. Sein Kopf lehnte am Monitor. Die Augen geschlossen. Oh my God, mein DJ-Idol war eingeschlafen! Keine Ahnung, was Larry eingeworfen hatte – aber ich erinnerte mich mit Schrecken, wie ich mal zwei Stunden im Warehouse in Chicago die DJ-Kanzel verwaisen ließ um einen verzweifelten Freund, der nach einer Überdosis Ecstasy nichts mehr sehen konnte, zu betreuen. Ich rammte Larry Levan meinen Ellbogen an die Schulter. Er sah kurz auf. Hob den Tonarm wieder auf den Anfang der Maxi. Und drohte erneut wegzuschlummern. Verdammt, Alter, bleib jetzt bloß wach! Ich fühlte mich plötzlich für die Ehre meines Idols verantwortlich. Schwitzte, sobald die Nadel in die Nähe der Auslaufrille kam. Und musste mich wieder und wieder überwinden, den großen DJ-Gott aus dem Koma zu boxen. Nur an Larry ging das Drama scheinbar spurlos vorbei: „Hast du dich“, fragte er arglos in den frühen Morgenstunden, „gut amüsiert?“

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