Unterwegs mit Musik: Wenn ein Lied dein Reiseführer ist

Die besten Reiseführer sind die, die gar keine sind - Lieder zum Beispiel. jetzt.de verreist mit Musik in den tiefen Süden der USA, nach Paris, New York und Jamaica.
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Ab in den Süden: Durch das dreckige untere Ende der USA - mit Geoff Muldaur Wo geht’s hin? Dahin, wo das Mississippi-Delta alle Farben ausgewaschen hat, die Hitze dich in einen nahegelegenen „WalMart“-Superstore fliehen lässt, fliegende Cockroaches Selbstmord in deiner Frisur begehen und du ein bisschen besser verstehst, warum Amerika nicht Europa ist: in den tiefen Süden der USA.

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Illustration: Julia Schubert

Tief im Süden der Vereinigten Staaten Bild: christina-kretschmer Was muss ins Gepäck? Das Album „Password“ und „The Secret Handshake“ von Geoff Muldaur, von dem Singer-Songwriter Richard Thompson einst sagte: „Es gibt nur drei weiße Bluesmusiker, Geoff Muldaur ist mindestens zwei von ihnen“. Außerdem brauchst du eine Landkarte, eine gut gestimmte Mundorgel und ein Auto mit Klimaanlage. Warum? Wer in die Südstaaten reist, muss ein Ziel haben, sonst wird ihm sehr, sehr langweilig. Dort gibt es nämlich keine bemerkenswerten Museen, die Landschaft ist nicht gerade atemberaubend und das Essen ist gewöhnungsbedürftig. Gut ist in diesem Fall: an der Musik entlang reisen. Alles (na gut, fast alles), was die Popmusik ausmacht, ist in den Sümpfen und auf Baumwollplantagen geboren worden, sei es der Blues, die Countrymusik oder die besonders erdige „Southern“-Version des Soul. Der Jazz, bitteschön, hat sogar Geburtsdatum und –ort: 1902 an einer Straßenecke in New Orleans, behauptet zumindest Ferdinand "Jelly Roll" Morton, der sich auch gleich zum Erfinder dieses Stils ernannte. Der weiße Bluesmusiker Geoff Muldaur wuchs im Staate New York auf und ging Anfang der 60er Jahre als College-Dropout dahin, wo er die wahre Musik und das wahre Leben vermutete – nach New Orleans. Er war eines dieses Hipster-Kids, der im Zuge der Folk-Bewegung alte Blues-Legenden ausgrub und ihnen, je nach Sichtweise, den ruhigen Lebensabend verdarb oder aber ein bisschen späten Ruhm zuteil werden ließ. Ein Lied hatte es Geoff besonders angetan. Ein Country-Blues-Heuler, Jahrgang 1928, von Blind Lemon Jeffersons, in dem dieser nur um einen sehr einfachen Gefallen bat: Die Menschen sollten dafür sorgen, dass sein Grab sauber gehalten werde. Dieses Lied wurde damals von jedem gecovert, der etwas auf sich hielt: dem frühen Bob Dylan, the Grateful Dead, Peter, Paul, and Mary…

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Illustration: Julia Schubert

Das Grab Blind Lemon Jeffersons Bild: christina-kretschmer Geoff fiel an einem Abend 1961 im French Quarter plötzlich auf: All seine Hipster-Freunde sangen mit Freuden diesen Song, aber keiner kam auf den Gedanken, sich auch mal wirklich um das Grab zu kümmern. Kurzerhand beschloss er, noch am selben Abend mit einem Freund per Anhalter nach Ost-Texas zu fahren und das Grab von Schmutz zu befreien. Sehr weit kamen die beiden damals aus verschiedenen Gründen nicht – und selbst wenn sie es in das Städtchen Wortham geschafft hätten, sie hätten das Grab nicht gefunden, denn erst sechs Jahre später (1967) bekam es von ein paar Blues-Enthusiasten einen Grabstein, der 1997 durch einen noch schöneren ersetzt wurde. Sein Lied „Got to Find Blind Lemon“ erzählt von dieser vergeblichen Reise. Heute kann man das Grab relativ gut finden. Ein „Texas Historical Marker“ steht am Eingang des „Wortham Black Cemetery“, der sehr unscheinbar einige hundert Meter hinter dem hübschen „Wortham Cemetery“ (für Weiße) liegt. Wortham liegt in einer zutiefst ländlichen und armen Gegend von Ost-Texas, südlich von Dallas. Kühe, Felder, hin und wieder eine kleine Stadt wechseln sich ab. Daran mit dem Auto vorbei zu fahren macht durchaus Spaß, wenn man dabei zu Geoff Muldaurs Songs schief in die Mundharmonika bläst und jedes Song-Klischee über dieses Land memoriert und dann auch gleich ausführt. Wenn du, wie er damals, von New Orleans aufbrichst, fährst du auf die Interstate 55 Richtung Westen, die bald zur I 10 wird. Auf der bleibst du, überquerst die Grenze nach Texas und biegst in Beaumont auf den Highway 287 ab. In Huntsville wird die Straße wieder zu einer Interstate 45 und in Fairfield biegst du links ab, ruckelst über eine kleine Straße in Richtung Wortham. Ein paar Kilometer vor der Stadt ist der Friedhof. Du wirst ihn übersehen, wenn du das gemerkt hast, kannst du aber jederzeit wenden, weil auf dieser Straße außer dir niemand unterwegs sein wird. Geoff Muldaur hat die Reise fast 40 Jahre später noch einmal gemacht und es sogar bis zum Grab geschafft. Diese Reise hat er in dem Song „Got to Find Blind Lemon, Pt. 2“ verarbeitet. Und was wenn nicht? Musst du eben die andere Südstaaten-Touri-Tour machen: Auf den Spuren Scarlett O’Haras in „Vom Winde verweht“.


Die Stadt, die niemals schläft - nach New York mit den Beastie Boys Wo geht’s hin? New York City Was muss ins Gepäck? Die Alben der Beastie Boys, vor allem „Paul’s Boutique“ und “To The 5 Boroughs“

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Illustration: Julia Schubert

Die Skyline New Yorks und die Brooklyn Bridge bei Sonnenaufgang Bild: reuters Warum? Weil niemand der Stadt aller Städte so viel Denkmäler gesetzt hat wie die Beastie Boys in ihren Reimen. Auf „Paul’s Boutique“ lernt man zum Beispiel, wie man kostenlos mit der U-Bahn fährt („Jump the turnstile, never pay the toll“). Auch für das verwirrende U-Bahn-Netz gibt es keine besseren Eselsbrücken: Wer einmal „The Bronx is up and I’m Brooklyn down“ im Ohr hatte, weiß für immer, dass ein Zug Richtung Brooklyn, einen immer nach Süden beziehungsweise Richtung Downtown führt, wer von Manhattan aus Uptown will, muss Züge finden, die „Bronx-bound“ fahren. Und im Track „B-Boy Bouillabaise“ erfährt man, dass Coney Island für einen Strandausflug am besten mit einem „D-Train ride“, also der Linie D zu erreichen ist. Das Beasties-Album „To The 5 Buroughs“ ist eine einzige große Hommage – oder wie ein Track schon sagt: ein offener Brief an NYC. Man lernt nicht nur, dass die Zeit der Schmuddelkinos und leichten Mädchen an der 8th Avenue und 42. Straße mittlerweile vorbei ist, sondern auch, dass ein Spaziergang entlang des Grand Concourse in der Bronx durchaus romantisches Potenzial haben kann. Schließlich haben sich die Eltern eines Beasties in dieser Gegend kennengelernt. Die besten Turnschuhe gibt es in der Fulton Street Mall, den besten Käse bei „Murray’s Cheese Shop“ in der Bleecker Street, und in dem Sandwichladen Blimpies in der Montague Street fanden schon legendäre Essensschlachten statt. Und was wenn nicht? Weil du arglos über die Atlantic Avenue in Brooklyn Heights spazierst, wirst du auf „Atlantic Attic“ genannten Markt ausgeraubt – die Beastie Boys haben es dir auf Pauls Boutique vorausgesagt. Das kommt davon, wenn man sich auf eine Reise nach New York nur mit Frank Sinatras „New York, New York“ vorbereitet. Obwohl das auch nicht schlecht ist.


In die Hauptstadt der Liebe - nach Paris mit „Les Champs-Elysées" Wo geht’s hin? Nach Paris, Hauptstadt der Liebe, der überteuerten Bistros, all jener Prachtbauten, die einen atemlos machen – und ach ja, auch der Franzosen. Was muss ins Gepäck? Der Klassiker: „Les Champs-Elysées“ von Joe Dassin, aufgenommen im März 1969. Und für Freunde des Punk vielleicht noch die Version von NOFX. Aber höchstens zusätzlich, auf keinen Fall stattdessen.

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Illustration: Julia Schubert

Les Champs-Elysées Foto: dpa Pourquoi? Ganz einfach: Weil dieser herrlich fröhliche Chanson an eine Zeit erinnert, die es in Paris schon lange nicht mehr gibt. An eine Zeit zum Beispiel, als sich am linken Ufer der Seine, in den Cafés Les Deux Magots und De Flore noch Jean-Paul Sartre und Genossen gemütlich zum Disput trafen. Heute verlangen die Kellner dort mit bemerkenswerter Arroganz sechs Euro für eine heiße Schokolade – welcher halbwegs frei denkende Philosoph kann sich das noch leisten? An eine Zeit, in der es in Montmartre noch echte Maler gab. Heute schieben sich die Touristenherden an den immergleichen Postkartenständern mit den immergleichen Postkarten vorbei, auf der Suche nach der Idylle. Daneben stapeln sich die Eiffeltürme aus Plastik. Und an eine Zeit, als man auf den Champs-Elysées noch hübsche Pariserinnen kennen lernen konnte. Denn eigentlich ist das Lied von Joe Dassin ja eine ziemliche Schnulze. Kurz gesagt geht der Inhalt so: Er flaniert offenen Herzens auf den Champs-Elysées herum, sagt zu diesem und jenem Bonjour, auch zu einer jungen Dame. Die hat gleich ein Rendezvous mit einem Haufen verrückter Leute in einem Kellerloch, wo sie die ganze Nacht Gitarre spielen und singen werden. Er – nichts wie mit, und früh am morgen spazieren die beiden wieder über die Champs-Elysées, schwer beseelt, und alle Vöglein zwitschern die Liebe von den Bäumen. Hach. Heute sind kaum noch Pariserinnen auf den Champs-Elysées unterwegs. Man trifft Pariser aus den Vorstädten, die sich in den gesichtslosen Filialen großer Marken mit Vorstadtbedarf eindecken. Man trifft Unmengen von Japanerinnen, die einen sogar ansprechen und einem Hunderte von Euros in die Hand drücken wollen. Man soll dafür schnell zu Louis Vuitton reinschneien und noch eine Handtasche kaufen, die in Japan viel teurer ist. Aber jeder Japaner darf nur eine mitnehmen, damit die Touristen zuhause nicht selbst zu Händlern werden, die Verkäufer kontrollieren streng. Und wo findet man sie dann, die jungen Pariserinnen? Rund um den Canal Saint Martin soll es ganz unterhaltsam sein, erzählt man sich unter Studenten, im Marais und am Place de la Bastille. Diese Orte liegen alle im Osten von Paris. Ganz weit weg von den Champs-Elysées. Und wenn nicht? Dann bleiben natürlich noch die modernen französischen Chansonniers wie Patrick Bruel. Falls Ihr Eure Omi mitnehmt – die wird begeistert sein.


Reif für die Insel? Mit Damian Marley in die Abgründe Jamaicas Wo geht’s hin? Auf die Insel, auf die Millionen Schüler mit halbgaren Dreadlocks und Rot-Gelb-Grün-T-Shirts vermutlich nicht unbedingt fliegen wollen würden, wenn sie den Inhalt dieses Lieds besser verstünden. Was muss ins Gepäck? KEIN Kleidungsstück in Rot-Gelb-Grün. Das wirkt bei einem Weißen ungefähr so, als würde ein Jamaicaner in Polyester-Lederhose und Sepplhut durch Berlin radeln. Für die Tag-Seite der Insel: Ein Best Of vom guten alten Bob Marley, denn der groovt halt immer noch unschlagbar. Für die Nacht-Seite der Insel: Das Hammer-Album „Welcome to Jamrock“ von Damian Marley mit dem gleichnamigen 2005er-Hit drauf.

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Illustration: Julia Schubert

So stellt man sich das vor. Gibt's auch, klar. Foto: Reuters Warum? Europäische Hippies haben sich zum Stichwort Jamaica in Jahrzehnten eine Rasta-Idylle zusammenmythologisiert, die weitgehend auf dem etwas falsch verstandenen Bob Marley beruht. Da denkt man an glückliche, lächelnde Kiffer am Sandstrand, die sich gegenseitig mit scharfem karibischen Hühnchen füttern und eine Runde Kokosöl ins Haar massieren, bevor sie zum Beat, bei dem jeder mit muss, in den Sonnenuntergang tanzen und ein Schlückchen Rum trinken. Statt dessen erlebt man Apartheid mal andersrum: Als Weißhaut kann es ganz schön lang dauern, bis man das Vertrauen der erstaunlich unzugänglichen Bevölkerung erworben hat. Der Rum ist zwar gut, wird aber gerne in ungesunden Quantitäten verbraucht. Die Kriminalität haut dafür über sämtliche Stränge und dich aus den Socken. Wenn in Kingston an einem Tag mal keiner erschossen wird, wundern sich schon alle.

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Illustration: Julia Schubert

Gar nicht so fröhlich: Hurrican "Dean" im August. Foto: ap Dass Jamaica nicht das fidele „Yo Man“-Paradies ist, sagt einem keiner so deutlich wie Damian Marley. Er ist der jüngste Sohn des Großmeisters, gerade 29. Ja, er macht auch Reggae, aber dabei kriegt er die Kurve zum Sozialkritischen womöglich eindeutiger als sein Vater. In „Jamrock“ fliegen die Fäuste, es werden härtere Drogen genommen als Gras, und Leute werden aus purem Zufall erschossen, weil sie gerade im Weg standen. So wie es im echten Jamaica zugeht. Das Staunenswerte daran: Nie war ein politischer Song geschmeidiger. Trotz der harten Worte groovt das Stück durch und durch und entwickelt dadurch tausend Mal mehr Schlagkraft als jede herkömmliche Jammer-Nummer. War nicht umsonst vor zwei Jahren haushoch in den Charts und gewann zwei Grammys. So verkündet man Missstände. Und was wenn nicht? Reibst du dir erstaunt die Augen: All die freundlichen, schönen Menschen aus der Werbung gibt es gar nicht, und deine Handtasche ist schneller geklaut als auf dem Kölner Domplatz.


Zwischen Strand und Straßenbahn: Nach Melbourne mit "The Cat Empire"

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Illustration: Julia Schubert

Foto: AFP Wo geht’s hin? Nach Melbourne, die Hauptstadt des australischen Bundesstaats Victoria. Was muss ins Gepäck? The Cat Empire und ihr gleichnamiges Album, auf Repeat geschaltet aber vor allem ihr Song „The Crowd“ Warum? Aus mehreren Gründen: Erstens: Wer Harry Angus und Felix Riebl singen hört, wird sich sofort in den australischen Akzent verlieben. Und das ist alles andere als selbstverständlich. Wichtiger ist aber, dass The Crowd allein mit seinem mehr als eingängigen Refrain zwei Dinge näherbringt, die für Melbourne charakteristisch sind: „Lord unchain my hands / let me sing inside the crowded trams / let me dance among the traffic jams / we’re gona sleep on the St. Kilda sands“ Wer in Melbourne nicht Tram (Ja, die sagen da unten wirklich Tram dazu) gefahren ist, war wahrscheinlich in Canberra oder Perth. Die Straßenbahn ist dort Fortbewegungsmittel Nummer 1, wenn man nicht ewig in den ebenfalls besungenen Staus stecken will. Das Schienennetz ist eines der größten der Welt, und die zum Teil noch recht alten Bahnen lassen einen mit ihrem Rumpeln den Kolonialstil auch spüren, der an den alten Gebäuden im Zentrum sichtbar wird. Außerdem fährt eine Bahn nach St. Kilda, wo Cat Empire sich zur Ruhe zu betten gedenken. Zusammen mit dem Viertel Fitzroy und seiner Brunswick Street, die problemlos auch im Berliner Prenzlauer Berg liegen könnte, ist St. Kilda die Produktionsstätte junger Kultur in Melbourne, wenn nicht gar in ganz Australien. Eine Menge guter Bands kommen hier her, es gibt Festivals, nette Bars und Clubs mit Konzerten. Ganz allgemein herrscht hier ein Flair, das einen den Hauch von Provinzialität, der in Australien des Öfteren zu spüren ist, vergessen lässt und Melbourne so lebenswert macht. Zu guter letzt versprüht „The Crowd“ die liebenswert offene und an sozialer Interaktion immer interessierte Lebenseinstellung, die den an Distanziertheit gewöhnten Europäer manchmal überrascht. Immer wird man freundlich begrüßt, nicht selten will man eigentlich nur ein Muffin kaufen, und verlässt die Bäckerei mit einer Einladung zum Barbecue. “ Lord unchain my feet / let me mingle with the good people we meet I'd rather greet you with a smile / than greet you with a frown” Und was wenn nicht? Dann wirst du Melbourne recht kalt finden, nicht nach St. Kilda fahren, und Sidney für die beste Stadt Australiens halten. Ist es aber nicht.

Text: christina-waechter - eva-bader, gabriel-holzer, christoph-koch, chris-helten, marc-widmann

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