„Denkt drüber nach, wer ihr sein wollt“

Lernen von den Alten: Patti Smith erzählt, warum man einen 100.000-Dollar-Vertrag auch mal ablehnen muss.
Interview von Charlotte Haunhorst
AFP / John MacDougall

Patti Smith betritt das Foyer eines Frankfurter Nobelhotels. Wilde graue Haare, viel zu weite, verwaschene Levis-Jeansjacke, superklobige Boots. Die Handgelenke voll mit Stoffarmbändchen. Kurz wirkt sie verwirrt, wo sie jetzt für das Interview hingehen soll. Später erzählt sie, dass sie einfach eine ausgeprägte Rechts-Links-Schwäche hat – sagt jemand "links" geht sie nach rechts. Deshalb habe sie auch keinen Führerschein.

Patti Smith: Es tut mir leid, dass ich so verlebt aussehe. Durch die Tour sind alle meine Sachen schmutzig. Ich habe Glück, dass Toni, mein Bassist, gerade meine Wäsche macht. Er ist wirklich ein guter Freund.

jetzt: Freundschaft ist auch das große Thema Ihres autobiografischen Buchs „Just Kids“, in dem Sie Ihre Jugend in New York mit Ihrem ersten Partner Robert Mapplethorpe verarbeiten. Wie wichtig ist Freundschaft für die Liebe?

Sehr wichtig. Mit guten Freunden schaffst du es auch über die größten Hindernisse im Leben. Das gilt für die Arbeit genauso wie für Beziehungen. Eine Beziehung, die nur auf Romantik oder Sex basiert, zerfällt im Angesicht von Krisen. Paare, die gleichzeitig Freunde sind, kämpfen hingegen füreinander. Robert und ich hatten jede Menge Probleme. Im Verlauf unserer Beziehung kam zum Vorschein, dass er eigentlich homosexuell ist. Für unsere Paarbeziehung war das ein Schlag. Durch unsere Freundschaft haben wir es überstanden.

Auch nach Robert Mapplethorpe waren Sie nur mit Künstlern zusammen, am Ende haben Sie den Gitarristen Fred „Sonic“ Smith geheiratet. Funktionieren Beziehungen besser, wenn man im gleichen Bereich arbeitet?

Wenn ich jetzt, mit fast 70, darüber nachdenke, muss ich tatsächlich feststellen: Meine stärksten Beziehungen, abseits von meiner Familie, entstanden aus Arbeitsbeziehungen. Vielleicht, weil ich immer nach Partnern gesucht habe, die mich so akzeptieren, wie ich bin. Die traditionelle Frauenrolle war nie mein Ding. Also klar, ich bin eine Frau, sogar zweifache Mutter, und glücklich damit. Aber ich war nie eine Frau, die Make-up trägt und ihre Schuhe farblich mit der Tasche abstimmt. Vielleicht habe ich deshalb eher solche Männer angezogen, die ebenfalls kein traditionelles Rollenbild pflegten und einen ähnlichen Lebensstil hatten wie ich. Künstler eben.

 

Sie charakterisieren sich in Ihren Büchern stets als zurückhaltend, haben gleichzeitig aber mit allen großen Künstler Ihrer Zeit, u.a. Jimi Hendrix und Janis Joplin, abgehangen. Wie schafft man das?

Ich bin tatsächlich kein sozialer Typ. Ich mag es nicht mit Leuten zu reden, die ich kaum kenne. Dinner-Parties finde ich immer noch schrecklich. Aber damals, als wir alle im Chelsea Hotel in New York wohnten, gab es diesen Starkult von heute nicht. Wir waren alle Künstler und galten deshalb als Außenseiter. Die ganzen fancy Hotels hätten uns gar nicht aufgenommen. Dabei war Janis Joplin, die nur ein paar Jahre älter war als ich, schon damals „die Stimme unserer Generation“. Aber weil es eben noch keine Handys und Kameras gab, wollte auch niemand auf der Straße Selfies mit ihr machen, wenn überhaupt wurde sie vielleicht mal angestarrt. Wir waren somit irgendwie alle gleich. Freunde haben uns schließlich einander vorgestellt, man fand sich cool und hat zusammen Musik gemacht. Es war alles ein bisschen einfacher.

 

Ist es Ihrer Meinung nach heute schwieriger, sich als Künstler durchsetzen, als damals?

Ich glaube das schon. Manche würden sicher behaupten, ihr habt es leichter, weil es so viel Technologie gibt. Es gibt Youtube, wer kein Geld hat, um sich Instrumente oder eine Ausrüstung zu kaufen, finanziert sie via Kreditkarte. Sowas gab es bei uns nicht, Robert und ich hatten gerade mal einen Kassettenrecorder. Aber die geringe Auswahl vereinte uns eben auch. Wir alle hörten im Radio die gleichen Songs, zum Beispiel gegen den Vietnam-Krieg, und wussten sehr genau, wofür oder wogegen wir sind. Heute lebt jeder in seiner kleinen Blase. Das macht es schwieriger herauszufinden, was Menschen miteinander verbindet und daraus Kunst zu machen.

 

Tatsächlich war der Weg zur Kunst auch bei Ihnen hart – zeitweise haben Sie und Freund Robert Mapplethorpe gehungert. Wie haben Sie es geschafft, nicht den Glauben an Ihr Talent zu verlieren?

Ich glaubte einfach daran, dass ich etwas aus meinem Leben machen könnte. Und war bereit, dafür hart zu arbeiten. Außerdem war ich neugierig und wollte die Welt sehen. Eigentlich waren die Reisen überhaupt der Grund, weshalb ich als Musikerin gearbeitet habe. Ursprünglich wollte ich immer Schriftstellerin sein. Tatsächlich hatte ich in dieser Phase, in der wir kein Geld für Essen hatten, das muss so 1971 gewesen sein, sogar ein Angebot für einen Plattenvertrag über 100 000 Dollar. Ich habe abgelehnt, dabei verdiente ich zu diesem Zeitpunkt im Buchladen gerade mal 65 Dollar die Woche.

 

Warum?

Mit meiner Unterschrift hätte der Typ von der Plattenfirma über mich bestimmen dürfen. Was ich anziehe, singe und mit wem ich zusammen bin. Er meinte, ich könne das ja einige Jahre machen, das Geld nehmen und dann aussteigen. Er hat nicht verstanden, was es bedeutet, ein echter Künstler zu sein. Da kann man nicht zeitweise seine Authentizität verkaufen und danach wieder „real“ werden. Als ich die Geschichte später zu Hause Robert erzählt habe, hat er schon geschluckt. Aber er hat es verstanden. Bei wahrer Kunst gibt es keine Kompromisse.

 

"Ich habe Glauben an die Jugend. Denn wenn man keinen Glauben an die Jugend hat – was wäre dann der Sinn der Zivilisation?"

 

Aber wie findet man heraus, wer man wirklich ist? Was „real“ ist?

Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass dieses Gespür derzeit vielen Menschen verloren geht. Mein Rat ist: Setzt euch jeden Morgen im Bett auf und denkt kurz für euch selbst darüber nach, wer ihr sein wollt. Trinkt vielleicht ein Glas Tee oder Wasser und fragt euch: Was soll euch dieser Tag bringen? Warum macht ihr euren Job? Tut ihr es für Geld? Ruhm? Oder weil es wirklich das ist, wovon ihr immer geträumt habt? Und erst, wenn ihr darüber nachgedacht habt, könnt ihr euer Handy in die Hand nehmen, die aktuellen Nachrichten checken oder was ihr halt so checken müsst.

 

Oh, das klingt jetzt etwas technikskeptisch …

Ihr jungen Menschen erlebt da gerade eine aufregende, aber auch schwierige Zeit. Technologie ist für euch selbstverständlich, aber ihr müsst auch gut darüber nachdenken, wie ihr sie nutzen wollt. Für Ruhm? Retweets? Für die großen Künstler wie Van Gogh, Arthur Rimbaud oder William Blake hat sich zu Lebzeiten keiner interessiert. Aber sie alle haben Kunst geschaffen, die in den Menschen später etwas bewegt hat. Das ist einer der größten Erfolge. Ich weiß, dass euch viele dafür kritisieren, dass ihr zu viel im Internet rumhängt und so was. Vielleicht ist da sogar was dran. Aber gleichzeitig denke ich: Ihr müsst diese Dinge für euch ja entdecken und analysieren. Ich habe also Glauben an die Jugend. Denn wenn man keinen Glauben an die Jugend hat – was wäre dann der Sinn der Zivilisation?

 

Patti Smiths aktuelles Buch „M Train“ ist im März bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

 

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