Das ModeABC. Heute: K wie Kindheitserinnerungen

In dieser Rubrik deklinieren wir einmal pro Woche die Welt der Mode durch. Diesmal sind wir bei K angelangt. K wie kleckern, Karamel, Kinder – und Lederhosen.
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Illustration: Julia Schubert

Letztens stritt ich mich mit meinem sehr guten Freund Leo am Telefon. Wir haben uns schon seit Monaten nicht mehr gesehen, er ist Kölner, ich Hamburgerin, und so schlug ich ihm vor, mich doch in München zu besuchen, jetzt, wo ich hier für einige Zeit wohne. Kindesbegeistert von meiner Idee zählte ich alle Dinge und Orte auf, die wir machen und besuchen könnten: Wettschwimmen in der Olympiahalle, Weißwurst essen oder Brezn auf dem Viktualienmarkt, auf dem Marienplatz so lange im Kreis drehen, bis man umfällt, stepptanzen im Café King, überteuerten Kaffee vom Dallmayr holen und zum Abschied eine neue Frisur beim Pony Club. Am anderen Ende der Leitung lauschte ich zunächst absoluter Stille – und erschrak dann durch einen Aufschrei: „Ich habe keinen Bock auf bairische Ponywürstchen, King-Kaffee und Lederhosen!“ Lederhosen? „Ja, Lederhosen, ich hasse Lederhosen und in Bayern tragen alle Lederhosen, Lederhosen sind aber sauhäßlich, das solltest du den Bayern mal sagen, diesen beeindruckend ignoranten, urwaldigen Bayern. Und deswegen werde ich dich in München auch nicht besuchen kommen.“ Rumms! Aufgelegt. Nun gut, dachte ich, einen schlechten Tag hat jeder mal. Zwei Stunden später rief Leo wieder an und entschuldigte sich. Er habe mich wohl zu sehr unter seinem Kindheitstrauma leiden lassen. Kindheitstrauma? „Lederhosen“, sagte er. „Lederhosen?“ fragte ich. „Genau, Lederhosen. Wenn man klein ist, quetschen einen die Eltern doch in diese im Kleinkindalter als unglaublich unbequem empfundenen Lederhosen.“ „Ach ja?“ Ich wusste nicht, wovon er sprach. „Klar. Weil alle Eltern denken, das sei niedlich. Vor allem die Nicht-Bayern. Und wennʼs kalt war, wurden wir zu Strumpfhosen unter der Lederhose gezwungen. Später waren es dann lange Unterhosen. Einer meiner Freunde hatte sogar eine selbstgestrickte lange Unterhose. Der hatte dann später ein sehr großes Genital.“ Leos nebelige Kindheitswahrnehmung überzeugte ihn über zwanzig Jahre später davon, dass jedes, ja, tatsächlich jedes, das betonte er mehrmals: jedes Kleinkind der Welt zum Lederhosentragen genötigt würde. Zumindest in Deutschland. Und vor allem in Köln, wo er aufgewachsen ist, über 400 Kilometer nord-westlich von Bayern. Das Negativgefühl, das Leo als in einer Lederhose steckender Knirps hatte, wurde über Kontaktstelllen im Nervensystem die für ihn einzig logische Antwort auf Frage „Wie findest Du Bayern?“ - „Unbegreiflich.“ In Hamburg trug niemand Lederhosen. Stattdessen steckte mich meine Mutter schon mit drei Jahren in einen pinkfarbenen Trainingsanzug. Auf der Anzugjacke war eine riesengroße Kat- ze, zumindest empfand ich sie damals als unrealistisch groß, mit ebenfalls übergroßer rosa Schleife am Katzenohr. Auch unrealistisch war, dass die Katze keinen Mund hatte und es hat mich ganz kribbelig geärgert, dass mir niemand beantworten konnte, wieso denn genau diese Katze, diese Katze auf meinem Turnanzug, keinen Mund, dafür aber eine gelbe Nase und nur sechs Schnurrhaare hatte. Ich war empört und trug fortan nur noch Blau ohne Print. Jahre später, irgendwann zwischen Pubertät und Studium, schenkte mir eine Freundin zur ersten Wohnung einen Turnanzug-pinkfarbenen Toaster – mit einer Katze drauf. „Oh, der Hello-Kitty-Toaster, danke!“ Von nun an briet mir mein Hello-Kitty-Toaster jeden Morgen einen Katzenkopf ohne Mund aufs Brot. Fand ich super. Ich erzählte Leo von meiner negativen Hello-Kitty-Erfahrung, die aber – im Gegensatz zu ihm und der Lederhose, exemplarisch für Bayern – in ein positives Gefühl transformiert wurde. Er hielt das für unmöglich und besuchte mich nie in München. Aber zum Glück wohne ich nun ja wieder in Hamburg.

Text: julia-finger - Illustration: Katharina Bitzl

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