Das ModeABC. Heute: R wie Rezession

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Na, ist jetzt bald wieder Depression? Viele mögliche Horrorszenarien werden momentan entworfen. Neben Regierungsmitgliedern, Wirtschaftsweisen und generellen Schwarzmalern diskutiert auch eine Sorte Mensch eifrig an der Frage mit, wie düster die Zukunft wirklich aussieht. Es sind Modemenschen, die die passenden Kostüme zum kommenden Krisenschauspiel bereitstellen wollen. Aktienmarkt und Modezirkus verbindet ja im Grunde einiges: beide folgen schnelllebigen, unverständlichen Gesetzen, hier wie da regiert nicht die Ratio, sondern die Psychologie – und die sichtbaren Folgen von Trends sind immer erst mit einem Jahr Zeitverzögerung auf der Straße zu bemerken. Wen wundert es da, dass einige meinen, die Mode als Spiegel und Seismograph der Gesellschaft hätte schon längst gewusst, dass uns trübe Zeiten erwarten. Nehmen wir als Beispiel Miuccia Prada, die ihre Arbeit als „gesellschaftliches Observatorium“ sieht. Für die Wintersaison 08/09 sagte sie lange, hochgeschlossene Kleider voraus, die, wären sie nicht aus schwarzer Spitze, so streng und spaßbefreit wie Nonnengarderobe aussehen. Als die Börsenkurse im September begannen, in den Keller zu fallen, zeigte sie in Mailand für den nächsten Sommer noch längere Röcke und Stoffe, die an Müllsäcke erinnern. Bei ihrem kongenialen und ebenso einflussreichen Kollegen Marc Jacobs kriselt es irgendwie auch: Er präsentierte Jungs in kurzen Hosen mit Trägern und Schiebermützen. Diese Jungs könnten genauso gut aus einem Schwarzweißfilm stammen, in dem sie an einer Straßenecke stehen, mit Zeitungen wedeln und „Letzte Ausgabe! Arbeitslosigkeit über 10 Millionen!“ brüllen. Heiße es, wie es wolle: „Rezessionsmode“ oder „Breadline-Chic“ (Breadline: Menschenschlangen vor den Suppenküchen der ersten Weltwirtschaftskrise) – die Stilbezeichnung Minimalismus bekommt jedenfalls in diesem Kontext einen neuen Sinn.

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Illustration: Julia Schubert

Sehr beliebt ist in diesen Tagen auch das Zitieren des „Rocksaum“-Indexes. Kurze Röcke bei florierender Wirtschaft, lange Säume bei schlechter Konjunktur, so lautet die Regel. Viel Bein zu zeigen setze nämlich Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit voraus. Dagegen symbolisierten Röcke, die unter dem Knie enden, Entbehrung und Strenge, was einer ernsten Lage gegenüber angemessen ist. Als der amerikanische Professor George Taylor 1926 auf dieses Gesetz kam, konnte er zwar nicht wissen, dass es drei Jahre später einen Börsenzusammenbruch geben würde, aber er behielt Recht: den kurzen Charleston-Kleidern der Goldenen 20er folgten, eine Dekade später, wadenlange Röcke, die Lebenslust und Dekadenz Strenge und Subtilität entgegensetzten. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führte schließlich zur Materialknappheit in der Textilindustrie – der Saum schwand wieder und endete am Knie. Praktisch, nicht zu kurz, nicht zu lang. Die Erfindung des Minis während des Wirtschaftsbooms der 60er Jahre kann demnach auch kein Zufall gewesen sein. Und, kommt jetzt die Wiederkehr des Depressions-Gewandes? Dunkel und schwer und trist? Was sagt der Rocksaum-Index in Zeiten aus, in denen auch 55jährige Mütter in Miniröcken herumlaufen? Sollte man nicht erst recht Farbenfrohes und Protziges tragen, wenn schon alles andere grau ist? Funktioniert Kleidung nicht auch als Gegengift und Stimmungsaufheller? Oder ist egalwie herumlaufen das einzig denkbare? Und was ist überhaupt mit der Männermode? Gibt es ein maskulines Äquivalent zum Rocksaum-Index? Hochwasserhosen und umgeschlagene Hosenbeine? Wie wäre es mit dem Ärmel-Index? Immerhin sieht man momentan an fast jedem Typen hochgekrempelte Sakko- und hochgerollte T-Shirt-Ärmel. Also hemdsärmelig durch finstere Zeiten schlendern? Bei soviel Verunsicherung ist es wichtig, dass sich jemand mit altersweiser Autorität mal dazu äußert. The Kaiser Karl Lagerfeld der Große, 70 bis 75 Jahre alt, sprach vor kurzem in einem Interview mit der FAS ein Machtwort: „Krise, Krise, Krise! Wir haben doch nicht 1929!“ Eben.

Text: xifan-yang - Illustration: Christian Fuchsberger

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