Modefragen: Wann hat ein Mensch Stil?

Sophie Salo, 26, ist Journalistin und Modefachfrau. Für jetzt.de antwortet sie auf Fragen, die wir uns zwischen Umkleide und Kleiderschrank stellen. Hast Du auch eine Modefrage? Schick sie an mode@jetzt.de
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Frage: Wann hat jemand Stil? Stil hat was mit Geschmack zu tun - aber was ist Geschmack? Ich hab auch mal versucht, das rauszubekommen. In der 7. Klasse: Gelber Pullover, knallrote Jeans und grüne Chucks. Ich sah aus wie eine lebende Ampel – und fand´s toll! Ich wollte einfach nur Markenklamotten tragen, auffallen und, ja, irgendwie „trendig“ sein. Mit Stil hatte das eher nichts zu tun. Gar nichts. Ein paar Jahre später fuhr ich dann auf der Schwarz-Schiene. Das genaue Gegenteil also: Unauffällig, trist, natürlich nicht geschminkt und mit schlecht gefärbten, mattschwarzen Haaren auf dem Kopf. Eines Tages sah mich meine verzweifelte Mutter mitleidsvoll an und kramte tatsächlich ein Bild von Grace Kelly aus ihrer „Erinnerungs-Schublade“. Wir redeten zum ersten Mal darüber, was Stil eigentlich ist. Mama zu mir: „Schau mal, die Frau, die hatte Stil. Die ist seriös aufgetreten und hat es geschafft, das mit ihren Kleidern und Kostümen zu unterstreichen.“ Auch wenn es ein bisschen lahm klingt: Stil hat vermutlich nicht nur mit Geschmack, sondern auch viel mit Seriosität zu tun. Mit einer gewissen Klarheit im Anziehen. Das muss man nicht gleich mit Langeweile gleichsetzen, aber vielleicht steckt zumindest im Kern von „stilvoll“ etwas sehr „seriöses“. Aber was ist für mich seriös? Ich habe es für mich so interpretiert: Seriös ist, was im Kern „mein Typ“ ist, weil ich mit „seriös“ nicht verbinde, dass ich mich verstelle, sondern dass ich „ehrlich“ bin.

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Illustration: Julia Schubert

Ich stellte mich vor den Spiegel, sah mich an und überlegte, welcher Typ ich dann bin? Wie ich den eigentlich hervorheben soll? Knifflige Aufgabe. Bin ich – sexy? Klassisch? 08/15? Ich habe mich lange damit beschäftigt, was da in mir schlummert, wie ich lebe und was ich darstelle. Ich bin ein Typ, der seine Weiblichkeit hervorheben möchte. Ich flirte gerne, ich gehe gerne aus, ich zeige gerne, was ich habe. Gleichzeitig bin ich aber auch der Kumpel und Fußballfan. Mein Ergebnis: Ich fühle mich am „ehrlichsten“, wenn ich feminine Klamotten trage und sie mit legeren Teilen mixe. Siehe die Kollektion von See by Cloé: Sexy Sommerkleidchen werden mit überlangen Strick-Cardigans „entschärft“. Über knallengen Röhrenjeans flattert ein weites Hängerchen. Das bin ich. Wer seinen Stil definiert hat, aber noch nicht genau weiß, wie man ihn am besten umsetzt, der kann, mein Gott, warum nicht: ein People-Magazin durchblättern. Als Orientierung und „Inspiration“ taugen die Hollywood-Leute ganz gut. Zur Kategorie stilvoll sexy gehört eine Flirtmaschine wie Sienna Miller. Sie trägt gerne luftige Sommerkleider, knie-umspielend mit einem großzügigen Dekolletee, einem schönen Gürtel und zierlichen Sandaletten. Oder sie kombiniert eine Röhren-Jeans mit einem rückenfreien Top und Highheels. Die „weiblichen Reize“ werden gezeigt, ausgeschmückt, aber nicht zu sehr betont. Fluch-der-Karibik-Star Keira Knightley (bezeichnet sich selbst als burschikos) vertritt in ihrer Freizeit die Kategorie stilvoll sportlich: Military-Hose, enges Poloshirt, saubere Sneakers und Accessoires wie bunte Armreifen, Haarband oder Ohrringe. Sieht lässig und weiblich aus. Dank dieser Frau hab ich begriffen, dass ich am Wochenende meine ausgewaschenen Shirts nicht zu ungebügelten Baggy-Pants anziehen kann. Auch wenn es bequem ist - ich habe es lange genug getan - es sieht eine Nummer zu schmuddelig aus. Ein gutes Beispiel für stilvoll flippig ist Sängerin Gwen Stefani: Wasserstoffblonde Haare, Admirals-Jäckchen, Rüschen-Mini, weiße Strumpfhosen, Plateau-Pumps – und das alles farblich aufeinander abgestimmt. Sieht durchdacht aus, auch wenn's nicht zu jedem Anlass passt. Wenn jemand stilmäßig mit sich im Reinen ist, dann ist die Wirkung auf andere - wie soll ich sagen - echt, selbstbewusst und beeindruckend. Dazu braucht es nicht viel Geld, dazu braucht es auch das Selbstbewusstsein, zu Trends „Nein“ sagen zu können. Es genügen ja die bekannten „Basics“, aufgepeppt mit einem Highlight - und schon kann man sich ein stilvolles Outfit zaubern. Beispiel: Jede Frau hat eine Jeans in ihrem Kleiderschrank. Dazu passen die vielen knalligen Oberteile, die momentan überall in den Läden hängen. Die gibt es im Empire-Stil, in Blusenform, als Tunika oder als süßes Hängerchen. Von Kanarienvogel-Gelb über Feuerrot bis hin zu Quietsch-Türkis ist für jeden Typ das Passende dabei. Dieses Basic-Outfit wird dann mit kleinen Schals, bunten Plastikarmreifen, Ketten und Ledergürteln ausgeschmückt. Schuhtechnisch macht sich je nach Farbe eine Sandalette oder ein Silber- oder Gold-Ballerina gut – um die kommt man gerade einfach nicht rum. Bei Männern sieht die Sache ähnlich aus: Eine coole Jeans, am besten Low Cut, ein gestreiftes Hemd in flieder, blau oder rosé mit Haifischkragen (mein Tipp: zu Zara gehen!) und ein gepflegter Lederschuh oder ein edler Sneaker. Fertig. Und Stil. +++ Illustration: katharina-bitzl

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