Nachtwache im Hostel 4: Wettsüchtiger Inder und verspielte Hosen

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Acht Stunden sind verdammt lang. Jedenfalls wenn man nicht weiß, wie man die acht Stunden gestalten soll. Acht Stunden schlafen sind kein Problem. Acht Stunden betrunken auf einer guten Party vergehen auch wie im Flug. Aber acht Stunden in einem leer gefegten Hostel zu verbringen, ist unerträglich. Der Herbst lockte nur noch wenige Gäste in den Laden. Aus diesem Grund war auch nur ein Nachtwächter nötig, der durch die unheimlich leeren Gänge schleichen musste und als Höhepunkt vielleicht die Kühlschränke in der Lobby mit Getränken auffüllte. Nicht, dass es unbedingt ein größerer Spaß gewesen wäre mit J. und Ö acht Stunden lang irgendwelchen Teenagern hinterher zu jagen und gegebenenfalls eine handfeste Schlägerei zu beobachten (die damit endete, dass ich mir Vorwürfe anhören musste, warum ich nicht auch einfach mal kräftig zulangen könnte).

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Illustration: Julia Schubert

Und so kam es, dass ich völlig allein meine Schichten antreten musste. Was also tun während diesen acht Stunden? Ich setzte mich erst mal in die Lobby auf einen halbwegs bequemen Stuhl und versuchte, ein wenig zu lesen. Für das Studium. Ich las zwei Seiten. Und schaute auf die Uhr. Fünf Minuten waren vergangen. Ich las vier weitere Seiten. Schaute auf die Uhr. Es waren gerade mal weitere zwölf Minuten vergangen. Lesen war also nicht die allerbeste Lösung. Ich guckte kontemplativ durch die Lobby. Kein Mensch war da. Außer dem Rezeptionisten. Den kannte ich noch nicht. Also mal ein Gespräch anleiern. Er hatte eine fliehende Stirn und ein goldenes Kruzifix umhängen und stellte sich mir als Mark vor. Seine Hände waren ein bisschen schwitzig. Er sagte: „Also diese Chinesen. Die nerven mich schon jetzt. Die können alle kein Englisch.“ Ich nickte das erst mal ab, schlürfte konzentriert meinen Kaffee und bemerkte, dass auf dem Display seines Handys ein unglaublich kitschiges Hochzeitsfoto zu sehen war. „Verheiratet?“ „Ja, bin ich. Seit einem Jahr.“ Ich nickte wieder und trank übertrieben langsam meinen Kaffee, um zu überlegen, was ich mit dem Kerl reden könnte. Dabei verbrannte ich mir die Lippen und verschüttete einen Schluck Kaffee auf die Theke der Rezeption. Mark legte seine fliehende Stirn in Falten und schaffte es irgendwie, sie noch ein Stück fliehender aussehen zu lassen. „Sind viele Chinesen da?“, fragte ich um von den Kaffeeflecken auf den Schreibunterlagen abzulenken. „Ja, die nerven. Und dieser andere Rezeptionist von gestern hat nix gemacht. Nix. Warum arbeitet hier keiner ordentlich?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Bist du auch Nachtwächter?“ Ich bejahte. Er lachte. Ich ging zurück in den Sessel. Inzwischen hatte sich ein Gast an die Theke der Lobby gesetzt und las Zeitung. "Ich verwette meine Hose" „Habe heute wieder Wetten gewonnen. Richtig viel Geld“. Er zeigte mir ein vergilbtes Heftchen: Tip Top Sportwetten. Der Gast hieß Raffi, war Inder und angeblich Barkeeper. „In meinem Zimmer sind Americans und Canadians. Und die stinken. Sie stinken immer“. Ich dachte, ich sollte mich möglichst schnell aus diesem Gespräch davon stehlen. Mir kam eine großartige Idee: Keine Gäste, hieß viele freie Zimmer. Und das wiederum bedeutete für mich ein Zimmer, ein Bett und ein Fernseher. „Am Samstag gewinnt Cottbus gegen Bayern“ meinte Raffi und grinste mich mit tellergroßen Augen an. „Das glaube ich weniger“, sagte ich und zündete mir eine Zigarette an. „Doch! Ich verwette meine Hose, junger Freund!“ Er beugte sich unangenehm nah zu mir vor und legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. Dann bot er mir seine Hand an. „Ich verwette meine Hose.“ Ich überlegte kurz, was ich mit seiner Hose anfangen sollte, wenn er die Wette verlieren würde. Und das würde er. Er blickte mich immer noch wartend mit diesen unheimlich riesigen Augen an und grinste. Ich nahm die Wette an und bewegte mich, so schnell es ging, in Richtung Aufzug. Mark rief mir hinterher. „Hey hast du ein Walkie-Talkie?“ Ich steckte das Walkie ein, das mir Mark mit hochgezogenen Augenbrauen entgegenstreckte. Raffi formte mit seinen Lippen beschwörend das Wort „Hose“. Im fünften Stock suchte ich mir ein leeres Zimmer und „checkte ein“. Zuvor hatte ich mir aus dem Lager noch Unmengen an Chips, Schokolade und Bier mitgenommen. Fernseher an und ab auf’s Bett. Plötzlich klopfte es an der Tür. Ich fiel fast aus dem Bett vor Schreck und begann, so schnell es ging, Bier und Süßwaren unter das Bett zu schieben. Dann öffnete ich die Tür. Dort stand ein kleiner, rundlicher Mann mit rotem Kopf. „Wissen sie eigentlich wie viel Uhr es ist? Ihr Fernseher ist ohrenbetäubend laut!“ Ich sah auf die Uhr. Es war eine Stunde vor Schichtende: Das hieß fünf Uhr früh. „Machen sie bitte den Fernseher leiser, sonst beschwere ich mich bei der Nachtwache“.

Text: ralph-glander - Foto: dpa

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