Bei den Geschwistern

Unsere Autorin beginnt mit dem Kennenlernen der Stadt bei den Leuten, die täglich durch dieselbe Türe gehen wie sie: ihren Nachbarn. Eine Kolumne von nebenan.
nadja-schlueter

Manchmal kommt man ja in fremde Wohnungen und denkt sofort, dass man hier gerne einziehen würde. Mir passiert das, als ich Andreas und Christina besuche. Die beiden wohnen zwei Stockwerke über mir, gemeinsam mit ihrer Mutter.

In dieser Wohnung ist alles hell. Die Sonne scheint durchs Fenster und der Dielenboden und der weiße Schrank im Flur haben etwas von Sommerhausinterieur, im Wohnzimmer steht ein Klavier, auf dem Klavier stehen Fotos, das Regal ist voller Bücher. Zudem sieht diese Wohnung sehr bewohnt aus, soll heißen: es ist nicht penibel aufgeräumt, Dinge liegen herum, Wäsche trocknet, man sieht, das hier Menschen sitzen, gehen, stehen und wohnen. Das alles ist sehr heimelig und gemütlich.

Heute beginnen die Herbstferien, es sind Andreas' letzte Ferien vor dem Abitur. Zur Feier des Tages hat er seine Freunde eingeladen, sie spielen FiFa auf der Playstation und trinken Bier. „Ich mach mal lieber die Tür zu, sonst hören wir gleich das Gebrüll“, sagt Andreas. FiFa spielenden Jungs haben nämlich große Emotionen, weiß man ja. Gerade hören sie laut Seeed.

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Illustration: Julia Schubert



Da sitzen wir nun, im Wohnzimmer, die Sonne blendet mich und das schöne Geschwisterpaar sitzt mir gegenüber und erzählt. Christina ist 20, sie studiert Liberal Arts and Sciences in Middelburg in den Niederlanden, ist also nur zu Besuch da. Die Nachbarn kennt sie trotzdem noch, immerhin wohnt ihre Familie hier schon seit 2006. „Gegenüber gab es mal eine Austauschschülerin in meinem Alter, außerdem haben die mir ein Praktikum in Frankreich vermittelt“, erzählt sie. Auf die Katzen aus dem ersten Stock haben sie mal aufgepasst, als deren Besitzer in Urlaub waren und oben bei Frau Lobe dürfen die beiden immer warten, wenn sie ihren Schlüssel vergessen haben. „Das kommt öfter vor“, sagt Andreas. „Aber es ist gut, dass man sich nicht unwohl fühlt, wenn man da in der Wohnung sitzt und wartet.“ Eine gute neue Nachbarn-Definition: Nachbarn sind Menschen, bei denen man in Ruhe warten kann.

Was man sich hier nachbarschaftlich ausleihen kann: Farben und Pinsel von Christina und eine sehr große Leiter. Können sie denn auch mein Fahrrad reparieren? „Nein, aber der Mann, der unter uns wohnt, wechselt dir deinen Reifen in eineinhalb Minuten“, sagt Andreas. Leider war der Mann, der unter ihnen wohnt, bisher nie da, wenn ich geklingelt habe.

Ich will eine Münchner Geschichte hören. Christina lacht sehr, als sie ihre erzählt: „Freunde von uns aus England waren hier. Wir waren was trinken, es war voll und bei uns saßen so richtige Urbayern mit am Tisch. Die und die Engländer haben sich natürlich nicht so richtig gut verständigen können, aber sie waren nett zueinander und einer der Bayern hat dann gesagt: ‚Vor 50 Jahren haben wir noch aufeinander geschossen!'“ Manchmal ist es in München eben doch genau wie in der Paulaner-Werbung.

Christinas und Andreas' Mutter kommt nach Hause. Ich falle nicht auf, sie denkt ich gehöre zu den Freunden ihrer Kinder und wundert sich, dass wir getrennt von den anderen im Wohnzimmer sitzen. „Habt ihr euch gestritten?“ sagt sie und lacht. Und dann geht es kurz darum, was Christina morgen als Abschiedsessen bekommt und ich denke spontan darüber nach, ob ich mich hier als Austauschschülerin einmieten soll, weil es so schön ist. Für das Foto nehmen die Geschwister sich in den Arm. „Bruder und Schwester, ein Herz und eine Seele“, sagt Andreas. So sieht das Foto dann auch aus.

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