Die Küsters und der Alpenverein

Neu in München, das bedeutet auch: Neu in einem Haus. Genau dort beginnt unsere Autorin mit dem Kennenlernen der Stadt: ihren Nachbarn. Eine Kolumne von nebenan.
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Illustration: Julia Schubert


Manchmal hat man ja Nachbarn, die wohnen gar nicht da. Ich habe ebensolche Nachbarn: ein Büro des Alpenvereins. An der Tür steht „Turner Alpenkränzchen“, und als ich das beim Einzug gesehen habe, bildete ich mir kurz ein, dass in jedem Münchner Mehrfamilienhaus eine Wohnung dem Alpenverein gehört.

Weil die Alpenvereinssektion so wie ich im Erdgeschoss wohnt, kennen wir uns eigentlich schon, bevor ich meinen Besuch dort antrete. Denn jeder weiß: Das Erdgeschoss ist in jedem Haus das Sammelbecken für Pakete, die nicht abgegeben werden konnten – und die eine Wohnung im Erdgeschoss ist dann eben auch das Sammelbecken für Päckchen, die in der anderen Wohnung im Erdgeschoss nicht abgegeben werden konnten.
  Von unseren Päckchen-Tauschaktionen weiß ich also schon, wie Frau Küster aussieht, bevor sie mir heute die Tür öffnet. Dass sie Frau Küster heißt, erfahre ich aber erst danach. Denn immerhin ist diese Klingel die einzige im Haus ohne Personennamen. Sie führt mich ins Büro, das aussieht, wie Büros nun mal aussehen: Wenig schmeichelhaftes Licht, praktische Möbel und eine Menge Papier. „Wir sind das Ehepaar Küster“, stellt Frau Küster sich und ihren Mann vor. Der ziert sich zunächst ein bisschen, in der Kolumne aufzutauchen, weil er doch „nur zufällig da“ sei. Er ist es dann auch, der seine Frau hin und wieder bremst, wenn sie ein bisschen plaudert, zum Beispiel übers Kochen: „Das kommt doch alles in die Zeitung.“ Ich mag es, wenn geplaudert wird, aber unser Gespräch dreht sich dann doch hauptsächlich um den Alpenverein, und darum wird mir der Besuch anschließend auch mehr geschäftlich als nachbarschaftlich vorkommen. Aber so ist das eben, wenn das Gesprächsthema durch die Umgebung bestimmt wird. Es geht um die beiden Hütten und die beiden Almen, die der Sektion gehören, um die Kletterausbildung, die Erste-Hilfe-Kurse, die Suche nach Lawinenverschütteten und das Eisklettern. „Das machen wir aber nicht selbst", sagt Frau Küster und lacht. Sie und ihr Mann sind für die Finanzen und die Mitgliederverwaltung zuständig. Und obwohl sie schon eine Menge Bekannte in die Sektion gelotst haben, sehen sie davon ab, mich spontan anzuwerben. Ich kann ja auch noch nicht mal Ski fahren. Die Ausbildungsseminare finden hier im Büro statt, an dem Tisch, an dem wir gerade sitzen. Ich kann mir das gar nicht so recht vorstellen, denn der ganze Raum ist kaum größer als mein eigenes Zimmer. Außerdem gibt es noch eine Küche und ein Klo. Eigentlich eine klassische Studentenwohnung, und bis 2008 war es wohl auch eine. Seitdem arbeiten die Küsters hier, nachdem sie mit der Sektion aus Münchens ältestem Haus ausgezogen sind. Unser Haus ist nur so mittelalt, wirklich alt ist dafür der Schrank in meinem Rücken, „der müsste Sie doch interessieren“, sagt Herr Küster. Ein Schrank von 1907, den sie extra aus einer der Hütten heruntergeschafft haben.

Und wie ist das so mit Nachbarschaft, wenn man gar nicht hier wohnt (mal abgesehen von der Päckchenannahme)? „Wir haben nicht viel Kontakt, aber auch keinen negativen“, fasst Frau Küster das prägnant zusammen. Ein sehr ruhiges Haus sei das, man wisse, wer wo wohne, weil sich da nicht viel ändere. „Außer bei Ihnen“, fügt sie noch hinzu. Anscheinend sorgt unsere Wohnsituation für Verwirrung. Gut, wir haben auch in einem nicht gerade studentisch geprägten Viertel der Stadt ziemlich viele Namen an der Tür, inklusive GbR und Label. Wir könnten auch ein Büro sein!

Als ich die vier Schritte hinüber zu meiner Wohnungstür mache und aufsperre, spricht Frau Küster in ihrer offenen Tür stehend über den Gang hinweg noch ein bisschen mit mir, und dieser Moment, in dem der eine von hinten beleuchtet im Türrahmen steht und der andere gegenüber aufschließt und neben der Tür nach dem Flurlichtschalter tastet, fühlt sich dann doch eher nachbarschaftlich als geschäftlich an.

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