Nagellack und eine nachdenkliche Katze

Neu in München, das bedeutet auch: Neu in einem Haus. Eine Kolumne von nebenan.
nadja-schlueter

Als ich in den ersten Stock hinaufgehe, kommt mir auf der Treppe eine Katze entgegen und die Türe der Wohnung, in die ich heute eingeladen bin, steht offen. Die Katze gehört zur Wohnung, sie dreht um und folgt mir und ich fühle mich willkommen, weil ich nicht mal klingeln oder klopfen muss. Ich nehme im Wohnzimmer auf einer Bank mit lammfellähnlichen Kissen Platz. Sehr ordentlich und sauber ist es hier, aber nicht so, dass es unbewohnt aussieht, eher durchdacht. Durchdacht sind auch Martinas Antworten: Was man immer bei ihnen leihen kann? Keine frischen Lebensmittel, dafür Mehl und Zucker und: Nagellack. Davon hat sie ungefähr 50 verschiedene Farben. „Und wir haben eine Eismaschine!“ Selbstgemachtes Eis essen und sich dabei die Nägel lackieren, das würde hier schon mal funktionieren.

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Illustration: Julia Schubert



Andreas kommt nach Hause. „Habt ihr schon zu Abend gegessen?“ fragt er und gibt mir das Gefühl, schon tausend Mal an diesem Tisch gesessen zu haben. Bei Pizza reden wir über Nachbarschaft. Ich erfahre, dass im Nebenhaus im Innenhof Partys gefeiert und Flohmärkte veranstaltet werden. Wir wohnen also im langweiligeren Haus. Andreas erzählt aus San Francisco, wo er mal gearbeitet hat. „Die Nachbarschaft dort war super, es gab oft Partys, zu denen jeder eingeladen wurde, und die Obdachlosen im Park haben mit uns gegrillt.“ Hier in München habe man eher Angst, dass man „komisch rüberkommt“, wenn man einfach von Tür zu Tür geht. Das sagen sie der Richtigen, ich probiere genau das ja gerade aus.

Mit einem Staubwedel ärgert Martina die Katze, die mir auf der Treppe gefolgt ist. Es gibt eine zweite, die sei aber eher ein Autist, sagt Martina, säße viel rum und sei nachdenklich. Zwei sind es, damit sie nicht so viel allein sind, denn Martina und Andreas arbeiten den ganzen Tag. Die beiden sind ein bisschen so, wie ich mir als Neumünchnerin junge Münchner Paare vorgestellt habe: Gutaussehend, voll berufstätig mit schöner Wohnung, außerdem haben sie sich auf der Wiesn kennengelernt.

Zum Schluss bekomme ich noch eine Wohnungsführung. Ich vergleiche die Wohnungen, bin neidisch auf die Altbautüren, die in meiner WG alle ausgewechselt wurden. Das Schlafzimmerfenster führt auf ein großes Vordach, auf dem die Katzen herumspazieren können und auf dem auch manchmal gegrillt wird. „Wir können dich gerne mal dazuholen“, sagt Martina zum Abschied. Das finde ich furchtbar nett und hoffe, dass ich nächsten Sommer noch hier wohne, weil ich auch mal auf dem Vordach grillen möchte, mit den Nachbarn und einer nachdenklichen Katze.

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