Adele stellt filmende Konzertbesucherin bloß

Und der kleine Spießer in uns freut sich. Zu Recht?
Von Melanie Wolfmeier
dpa, Collage Jessy Asmus/jetzt.de

Wer auf ein Konzert von Adele geht, darf mitsingen, mitleiden, mitfühlen. Was er aber nicht darf: filmen. Das findet die britische Künstlerin gar nicht gut.

Wie wenig gut, sieht man in einem Youtube-Video, das gestern online gestellt wurde. Die Musikerin tourt seit Anfang dieses Jahres durch Europa und befindet sich aktuell in Italien. Während ihres gestrigen Konzertes erwischte sie eine Frau, die den Auftritt mit einer Videokamera festhielt. Und das machte Adele wütend: "Ich will dieser Lady hier sagen: Kannst du bitte mit dem Filmen mit der Videokamera aufhören? Weil ich wirklich hier stehe, du kannst das alles in Echtzeit genießen, anstatt es durch die Kamera anzuschauen."

Und sie schimpfte weiter: "Ich will wirklich, dass du die Show genießt, weil da viele Leute draußen stehen, die keinen Platz bekommen haben." Die Reaktion der restlichen Fans: Jubelrufe und Beifallsgeklatsche. Die Zurechtweisung der Künstlerin wurde unterstützt und gefeiert. Was verständlich ist, denn: Ein live-Konzert heißt ja nicht umsonst "live" – es ist ein Spektakel in Echtzeit, zu dem man geht, um es sich direkt anzuschauen. Man erlebt dort einzigartige Momente, die man in seinem Gehirn und nicht auf der Speicherkarte seines Handys zu speichern hat. Oder?

Keine Frage: Smartphones auf Konzerten nerven. Displays im Blickfeld. Arme im Blickfeld. Egal, wie viel Mühe man sich gibt. Wer auf ein Konzert geht, soll gefälligst zuhören und zuschauen und den Anderen nicht mit einem Handy vorm Gesicht herumwedeln. Schimpft Adele. Schimpft das Publikum. Schimpfe ich.

Soweit also die Argumentation des Spießers in mir, der sich über den Ausbruch Adeles rumpelstilzchenmäßig freut. Aber – mal ganz ehrlich und wutfrei: Wenn Adele in dem Video anklagend ihren Finger hebt und sich diesen einen Fan rauspickt, dann erinnert das doch irgendwie an ferne Schulzeiten, in denen der Lehrer immer den schwächsten Schüler vorgeführt hat. Adele tut dasselbe: Sie schießt sich auf diese eine Frau ein. Sie stellt sie vor allen anderen bloß (obwohl mindestens ein anderer Fan ebenfalls ein Handy in der Hand hat und mitschneidet, sonst könnte man ja auch diesen Auftritt Adeles gar nicht bewundern …). 

Nervige Smartphones hin oder her. Die Frau ist ein Fan von Adele, liebt ihre Musik, bewundert ihr Talent und hat bestimmt monatelang auf diesen Abend hingefiebert. Sonst hätte sie bestimmt nicht den Wahnsinn erfolgreich hinter sich gebracht, der mit einem Kauf eines Adele-Konzert-Ticket einhergeht. Im Januar gab es in Deutschland zum Beispiel einen so großen Ansturm auf die Karten, dass der Server des Ticketanbieters nach Sekunden überfordert war. Kaum jemand konnte sich einen Platz sichern. Und wenig später tauchten die ersten Tickets auf Ebay auf – für 300-1200 Euro. 

Wer es also auf ein Konzert der britischen Künstlerin schafft, der muss es wirklich ihrer Musik zuliebe tun. Für Musik, die man nicht zu schätzen weiß, sitzt man nicht da, starrt ohne zu blinzeln in den Laptop und wartet angespannt auf den Beginn des Vorverkaufs. Und man zahlt bestimmt nicht den dreifachen Preis, wenn man nicht schnell genug war, um in der ersten Runde an Karten zu kommen. Und damit gilt, was banal klingt, aber nicht oft genug betont werden kann: Jeder, wie er oder sie möchte – solange es andere nicht ernsthaft einschränkt. Ob man den Abend mit oder ohne digitale Hilfsmittel besser erlebt und in Erinnerungen behält, das muss jeder für sich entscheiden (dürfen). Man weiß es ja selbst am besten. Und in jedem Fall besser als Adele.

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