Das Lego-Smartphone

Ein junger Designer aus den Niederlanden hat ein Smartphone entworfen, das man aus einzelnen Modulen zusammenbaut. Wenn ein Teil nicht mehr funktioniert, soll man es einfach austauschen können. Im Netz wird sein Vorschlag so eifrig bejubelt wie kritisiert.
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Illustration: Julia Schubert



"Als meine alte Canon-Kompaktkamera kaputtgegangen ist, wollte ich sie reparieren. Ich habe sie auseinandergenommen und gesehen, dass noch alles funktioniert, nur der Objektivmotor nicht", erinnert sich Dave Hakkens, 25. Der Niederländer hat im Juni sein Studium an der Design Academy in Eindhoven abgeschlossen und sich mit einer Designagentur selbstständig gemacht. Lange suchte er damals nach einem Ersatzteil. Als er bei Canon anrief, sagte man ihm, mit so einem könne man ihm zwar nicht helfen, er könne aber dafür eine neue Kamera haben. "So ist das mit elektronischen Sachen. Wenn etwas kaputt geht, wirft man es weg, man versucht gar nicht, es zu reparieren", sagt Dave. "Wenn du einen platten Reifen hast, wirfst du doch auch nicht dein ganzes Fahrrad weg."  

Handys und andere mobile Geräte werden oft nicht repariert; es wäre zu aufwändig oder zu teuer. Beim iPhone kann man nicht mal den Akku wechseln. So liegen in deutschen Wohnungen und Häusern etwa 85,5 Millionen alte und ungenutzte Handys herum. Viele haben gleich mehrere in ihren Schubladen liegen, weil man zu jeder Vertragsverlängerung ein neues Modell zumindest anfinanziert bekommt, und irgendein Teil, die Kamera, der Akku oder der Lautsprecher mit der Zeit kaputt geht oder nicht mehr so gut funktioniert.  

Dave Hakkens will das ändern und den Handymüllberg verkleinern, oder wenigstens dafür sorgen, dass er nicht weiter anwächst. Anfang September hat er in einem ziemlich schönen Video Phonebloks vorgestellt: ein modular aufgebautes Smartphone, an dem man einzelne Komponenten austauschen kann, wenn sie kaputt oder veraltet sind oder nicht mehr gebraucht werden. Drei Gründe, sein altes Handy wegzuwerfen oder in der Schublade zu verkramen, fallen damit auf einmal weg. Ein weiterer Vorteil ist, dass man sich sein Handy so zusammenstellen kann, wie man es braucht, und zum Beispiel die Kamera oder das Bluetooth-Modul weglassen und dafür einen besseren Akku einbauen kann.    

http://www.youtube.com/watch?v=oDAw7vW7H0c  

Phonebloks soll so funktionieren: Auf einer Platine werden vorne ein Bildschirm und auf der Rückseite Komponenten wie ein Bluetooth-, ein Akku- und ein Wlan-Modul, die Kamera und der Lautsprecher aufgesteckt. So wie es für Apps Shops wie den Appstore oder den Google Playstore gibt, stellt sich Dave einen Store für neue und gebrauchte Hardware-Komponenten und vorgefertigte Phonebloks-Smartphones vor: den "Blokstore". Mit welchem Betriebssystem das Phonebloks laufen soll, steht noch nicht fest, ebensowenig wie die Preisspanne, in der sich die Anschaffungskosten für die Module und die Basisplatte bewegen könnten.    

Die Kritik wird lauter

Sich einen PC aus den Teilen zusammenzubauen, die man braucht, ist nichts Ungewöhnliches. Allerdings ist dazu mehr als ein durchschnittliches Technikverständnis nötig. Da setzt auch die Kritik an Daves Konzept an, die in den vergangenen Tagen immer lauter wurde.  

Auch wenn Dave betont, dass man kein Technikwissen braucht, um sich ein Phonebloks-Smartphone zusammenzubauen – für den Durchschnittsmenschen ist die Wahrscheinlichkeit, beim Zusammenstecken etwas falsch zu machen, vermutlich trotzdem groß. Der kantige, wenn auch noch nicht finale Lego-Look des Smartphones ist gewöhnungsbedürftig, zudem dürfte es größer, zumindest dicker werden als die gängigen aktuellen Modelle.  

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Illustration: Julia Schubert



In Daves Präsentationsvideo sieht man, dass die Kunden die Komponenten von unterschiedlichen Herstellern auswählen sollen, die müssten dafür zusammenarbeiten. Die einzelnen Teile müssten in irgendeiner Art genormt sein, damit sie zusammen funktionieren. In einem Markt, in dem Handys, wie alle mobilen Geräte, fast nur als Komplettsysteme produziert werden, erscheint das recht unrealistisch. Auch technische Aspekte werden kritisiert. Blogger wie Genericmaker sammeln bereits Gründe, warum Daves Idee niemals Realität werden kann. Zum Beispiel, weil unklar ist, wie die Komponenten untereinander kommunizieren sollen, und weil das Testen viel zu aufwändig wäre.   

Trotzdem ist Daves Idee eine gute, wenigstens der Gedanke dahinter. Das Problem mit E-Waste wird immer größer. Aus diesem Grund trifft Phonebloks neben der Kritik auch auf großes Interesse.  

Dave versucht gerade, seine Idee über die Crowdspeaking-Plattform thunderclap.it bekannter zu machen und Investoren zu gewinnen. Mit Crowdfunding will er noch warten, unter anderem weil er glaubt, dass ein Unternehmen allein sein Konzept nicht stemmen kann. Bis Ende Oktober wollte Dave mit Thunderclap 800.000 Supporter finden, das hat er bereits am Dienstag erreicht. Begonnen hat er mit dem Ziel, 500 Unterstützer zu finden. Er hat es erst auf 10.000, später auf 50.000 und dann auf 100.000 erhöht. Am Stichtag werden dann von allen Unterstützern auf einmal über deren Twitter-, Facebook- und Tumblr-Accounts Nachrichten über das Projekt verschickt und damit Aufmerksamkeit im Netz erzeugt.    

Individualisierbare Smartphones haben sich bislang nicht durchsetzen können

Ideen für individualisierbare oder sogar modulare Smartphones gab und gibt es immer wieder. Benjamin Funk von der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd hat sich für seine Bachelorarbeit das Mocell (für modular cellphone) ausgedacht, der französische Produktdesigner Rybarczyk Francois hat ein Android-Smartphone namens "Sony XTRUD" entworfen, von dem man die komplette Hardware austauschen kann. Es existiert aber nur auf dem Papier.

Auf dem Markt sind Smartphones bis jetzt vor allem optisch individualisierbar, zum Beispiel das "Moto X" von Motorola, das man in seinen Wunschfarben gestalten kann. Das Modell wird allerdings nur in den USA angeboten. Der israelische Hersteller Modu stellte modular aufgebaute Handys vor, bei denen ein Basis-Handy mit Komponenten wie einer Kamera erweitert werden kann. Das Unternehmen ging 2011 pleite, Google sicherte sich einige seiner Patente. Die finnische Handy-Firma Jolla stellte vor kurzem eine abnehmbare Gehäuserückseite für eines ihrer Modelle vor. Über sie kann man die Funktionen des Geräts erweitern: Wenn man die "Partyrückfläche" nutzt, sollen zum Beispiel die Anrufe des Chefs blockiert werden. 

Bisher hat sich kein individualisierbares Smartphone-Konzept durchgesetzt. "Vermutlich, weil die Firmen, die die Technologien und Ressourcen hätten, nicht wirklich scharf darauf sind", sagt Dave. Sie würden damit einfach viel weniger Gewinn machen, auch, weil sie die Einzelteile so konzipieren müssten, dass sie länger als die typischen zwei Jahre Handyvertragsdauer halten. Trotzdem glaubt er, dass seine Idee Realität werden könnte.    

Insgesamt werden nachhaltige Ideen in der Technik immer wichtiger. Gerade wurde das Fairphone, eine Idee des Holländers Bas van Abel, in London vorgestellt: Alle Bestandteile des Smartphones sollen aus fair gehandelten Rohstoffen und von fair bezahlten Arbeitern in China hergestellt werden. Repair-Cafés, in denen man gezeigt bekommt, wie man unter anderem elektronische Geräte repariert, werden immer beliebter.

Um den Handy-Müllberg zumindest langsamer wachsen zu lassen, wäre es schon mal gut, sich Smartphones zu kaufen, bei denen man Akku und Display austauschen und den Speicherplatz über SD-Karten erweitern kann. Und die alten Dinger in den Schubladen, die kann man ja auch mal hervorkramen und an Projekte wie "Hardware für Alle!" spenden. 



Text: kathrin-hollmer - Fotos: Dave Hakkens

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