Der Currywurstbrunnen könnte alle Wunden heilen

Als letzter gemeinsamer Nenner verfeindeter Weltbilder.
Von Kolja Haaf
Foto: Patrick Sun, Tita Busche & "Fotolia" / currywurstparty.de

Am Morgen nach der Trump-Wahl ist es mir wie vielen gegangen. Als ich noch ganz verschlafen beim Frühstück einen unschuldigen Blick auf den Laptop riskierte, erwischte es mich völlig unvorbereitet: Er ist da. Der Currywurstbrunnen. Die Welt wird nie mehr dieselbe sein. 

Ab diesem Freitag wird es möglich sein, in einem kleinen Laden in Hamburg Wurst an Holzspießchen in die glückverheißenden warmen Ströme eines vierstöckigen Brunnens zu tauchen, der mit Currysoße gespeist wird.

So weit, so harmlos. Es scheint vielleicht auf den ersten Blick feige oder sogar gefährlich, sich in solch wirren Zeiten in ulkige kleine Randmeldungen zu flüchten. Wo doch jetzt Haltung gefragt ist, mehr denn je. Überall werden die großen Antworten gesucht. Komplexe sozio-ökonomische Zusammenhänge sollen erklären, wie sich alt und jung, Stadt und Land, arm und reich, wir und die so auseinanderleben konnten. Und wie man das ändern kann. Richtig so.

Der ganze Lärm aus Meinungen und Wahrheitsansprüchen verstummt

Nur kann es dabei manchmal auch hilfreich sein, den Sichtwinkel zu erweitern. Ein paar Schritte zurück zu gehen. Bis man vielleicht mit dem Rücken gegen etwas stößt. Und zwar gegen einen Currywurstbrunnen. Man dreht sich um und wundert sich. Der ganze Lärm aus Meinungen und Wahrheitsansprüchen ist verstummt. Nur noch das verträumte Plätschern ist zu hören. Man atmet durch, sammelt sich und lässt bedächtig ein Stück frittierte Rote durch den herzhaft duftenden Vorhang gleiten.

Dabei nimmt man eine durch den Soßenschleier verschwommene Gestalt auf der anderen Seite war.

Es ist ein weißer Mann über fünfzig. Zornesfältchen zwischen den verbrauchten Äuglein. Bauchansatz. Es ist der Wutbürger, der WASP, der Erzfeind. Auch er hat an der Quelle Zuflucht gesucht vor der anstrengenden Dauerempörung, badet seine Wurst. Man lächelt einander verhalten zu. Das hier ist der letzte verbliebene gemeinsame Nenner.

Sicher, die Erkenntnis, dass man sich auf nichts mehr einigen kann als darauf, dass ein Currywurstbrunnen eine ziemlich geile Idee ist, ist vielleicht erst mal entmutigend. Aber sie ist ein Anfang. Eine Möglichkeit, sich wieder anzunähern.

Dabei hat der Erfinder des Brunnens gar nicht in erster Linie an die Versöhnung politischer Lager gedacht. Und trotzdem, seine Worte machen Mut:

jetzt: Glauben Sie, der Currywurstbrunnen kann Menschen zusammenbringen?

Rüdiger Busche: Auf jeden Fall. Bei Firmenpartys zum Beispiel gibt es diese Grüppchen, die immer zusammensitzen. Immer die gleichen. Die müssen gebrochen werden. Sonst kommen sie nicht an die Wurst.

Bei aller Überspitztheit dieses Gedankens – vielleicht hilft es wirklich, statt Unterschiede Gemeinsamkeiten zu suchen, seien sie auch so profan wie ein Currywurstbrunnen. Vielleicht kann er in der erbarmungslosen, aufgeheizten Savanne die Wasserstelle sein, an der sich alle Tiere treffen, um in Frieden zusammen zu snacken.

Mit den Variationen Schwein, vegan, Geflügel und fettarm dürften für jedes Lebenskonzept die passenden Würste dabei sein, die dann, mit Soße bedeckt, am Ende doch wieder alle gleich sind.

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